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Aktionen, Handlungen, Wanderungen, Skizzen und Fragmente . 2018 bis XXXX

Wahrscheinlichkeit / Unwahrscheinlichkeit II . Konzept und Realisation mit Norbert Fischer . September 2019

Wahrscheinlichkeit  II 01
Wahrscheinlichkeit II 02

Von der Wahrscheinlichkeit und der Wirklichkeit aufeinander zu treffen

Die Wanderung sollte ein Remake der Aktion "Wahrscheinlichkeit" sein, für die ich mit Norbert Fischer im Herbst 2018 ein gemeinsames Konzept formulierte und wir dieses in unserem Wohngebiet realisierten. Unser neu gewähltes Territorium war weitaus größer, ein Waldgebiet auf der Schwäbischen Alb, daraus ergaben sich völlig veränderte Bedingungen. Wir vereinbarten zwei Stunden Gehzeit, nach deren Ablauf jede*r am Ausgangspunkt zurück sein sollte, dies war unser Ziel, es kam anders.

Es ging erneut um die Wahrscheinlichkeit sich zu treffen. (Siehe Aktion "Wahrscheinlichkeit / Unwahrscheinlichkeit" vom Okt. 2018)  Wir waren zu viert, dies schien die Wahrscheinlichkeit gegenüber der ersten Aktion zu steigern, durch die Vervierfachung der Größe des Terrains wurde die Wahrscheinlichkeit jedoch wieder zur Unwahrscheinlichkeit. Mit diesen Gedanken wanderte jede*r für sich los und suchte seinen eigenen Weg. Zur Orientierung hatten alle eine Satellitenansicht der Wege in Papierform bei sich.

Ich betrat viele Wege und legte in der vereinbarten Zeit eine relativ weite Strecke zurück, ca.10 Kilometer. Schnell bemerkte ich, dass die Wege auf der Satellitenansicht nicht mit der Realität übereinstimmten, wanderte Wege, die keine waren und wanderte Strecken, die zu Wegen wurden. Laut der Karte waren sie keine Wege, sie führten mich auf Umwege, Nebenwege und Pfade, auf "Unwege". Hauptwege schien es keine mehr zu geben, sie wurden zu Kreuzungen, die in alle Richtungen gingen. Zwischendurch verlor ich die Orientierung. Ich landete im Morast, im Unterholz, stolperte. Selten traf ich auf Menschen und Schilder in diesem Wald. Die Satellitenansicht bot mir nur noch eine scheinbare Ordnung der Strecken innerhalb des Katasters. Die Wege gerieten zur absoluten Unordnung, obwohl ich mich in einem ordentlichen, geregelten, europäischen Waldgebiet und nicht auf unwegsamen Gebiet oder unbekannten Terrain befand. Ich war in Gedanken und Sorge wie es meinen Mitwanderern auf ihren eigenen Wegen ergehen würde. Alle vier Personen fanden zum Ausgangspunkt zurück.

Die von mir empfundene Orientierungslosigkeit prägte auch die Erfahrungen der anderen. Die Aktion führte für alle zu unvorhersehbaren körperlichen Schwierigkeiten, sie war geprägt von Stürzen, Verletzungen und Ängsten. Sie war geprägt von nicht wägbarem Gelände, von Verirrungen, von Wegkreuzungen, die in den Westen führen sollten, jedoch im Süden oder Osten anlandeten. Es gab Horizonte, die in eine andere Richtung führten. Aufziehendes Wetter verfolgte uns. Ein Tiefdruckgebiet war angekündigt und zog auf. Die falsche Einschätzung der Größe des gewählten Gebietes, die daraus folgenden ungeahnten Längen der Strecken und damit die falsche Abschätzung unserer Zeit trieb uns. Monotonie und gleichzeitiges Gehetzt- und Getriebensein bestimmten unsere Wege. Ein Wanderer kam erst lange nach dem vereinbarten Zeitpunkt zurück, die Wartezeit war von gemeinsamer Sorge geprägt. Wir hatten kein "Netz", konnten uns nicht erreichen und verständigen. Die Nacht und Regenfälle kündigten sich an. So wurde die Aktion "Wahrscheinlichkeit II", von einer kalkulierten Handlung zu einem unkontrollierbarem "Drama". Es ging nicht mehr um die Wahrscheinlichkeit sich zu treffen, die Aktion wurde sekundär.

Zwei Wanderer trafen sich. So wurde die Unwahrscheinlichkeit zur Wahrscheinlichkeit, oder die Wahrscheinlichkeit wieder zur Unwahrscheinlichkeit.

Ich danke Norbert Fischer, dass ich mit ihm "Wahrscheinlichkeit" in Konzept und Realität zur Aktion “Wahrscheinlichkeit II” erweitern konnte und unsere Wege von Sylvia Mehlbeer und Konstantin Bressmer mitgegangen wurden.

Fotografien / Standorte

 

Wege

Wahrscheinlichkeit II 03

Jan Willem van Borselen . 1825 bis 1892 . Holzleser im Waldweg . Öl auf Tafel . 27,8 x 42,0 cm

“Gravettien”, etc. (Kulturzeitalter) . Mit Sylvia Mehlbeer . August 2019

Venus 01
Venus 02

Es begann mit dem Begriff "Gravettien". Ich trage ihn seit Jahren mit mir.

Vor ca. dreißig Jahren hatte ich die "Venus von Willendorf" im Naturhistorischen Museum in Wien zum ersten Mal betrachtet. Schon damals stand sie hinter Panzerglas. Ich erstand eine Replik, für einen Betrag, der meine Möglichkeiten überstieg. Ich kaufte dennoch. Ich musste kaufen! Seitdem begleitet mich die "Dame" durch mein Zeitalter, durch mein Leben. Seit ihrem Fund am 7. August 1908 ist sie "berühmt”. Sie ist der Inbegriff dieses "Zeitalters", ca. 29.000 Jahre alt und wurde am Rand der Donau gefunden.

Im Jahre 2009 stieß ich auf den Begriff "Aurignacien". In diese Zeit fällt der Fund der "Venus vom Hohlefels", die vermutlich, wie die "Venus von Willendorf" eine "Fruchtbarkeitsgöttin" darstellt. Sie ist ca. 40.000 Jahre alt!

In den vergangenen 100 Jahren wurden von diesen "Göttinnen", ca. 50 Objekte in sich ähnelnden Formen entdeckt, ihre Fundorte erstrecken sich über einen langen Bogen von Ost- bis nach Südeuropa. Bereits vor 42.000 Jahren gab es über sehr weite Strecken gemeinsame Handelswege und Austausch von Kulturgütern. Die Donau hat dieser kulturellen Entwicklung den Weg bereitet.

Im Jahre 2017 erwischt mich in einem Artikel der Begriff "Anthropozän": "Der Ausdruck „Anthropozän“ ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist." * Der Begriff ist als eigenständiges Kulturzeitalter noch nicht anerkannt. *Quelle: Wikipidia

Wir leben in einem Zeitalter, in dem von uns keine Venusdarstellungen, "Fruchtbarkeitsgöttinnen" mehr hergestellt werden, die wir zu unseren Lagerplätzen mitnehmen. Wir umgeben uns mit anderen "Materialien", mit digitalisierten Inhalten, mit "Kunststoffen".

Ich recherchiere die “Kulturzeitalter” der Menschheit und stoße auf einundzwanzig Begriffe, die von ca. 600 000 v. Chr., bis in die Gegenwart reichen. Ich hinterlasse auf einer Wanderung durch die "Wachau", der Landschaft des Fundortes der "Venus von Willendorf", an Bäumen einundzwanzig Schilder, die diese Begriffe unserer Kulturzeitalter benennen. Das "Anthropozän" schließe ich aus meiner Hängung aus.

Ich stelle mir vor, in dieser Landschaft im Zeitalter des "Gravettien" wandernd unterwegs gewesen zu sein. Ich stelle mir vor, auf die Donau zu treffen, diesen ruhigen Strom, ohne weitere Verkehrswege, Lärm und Supermärkte vorzufinden. "Willendorf" gibt es noch nicht. Ich stelle mir vor, dass ich nur den Wind höre, die Insekten, Vögel und das Atmen durchziehender Herden. Ich muss jagen um zu leben, Fallen stellen, sammeln. Ich stelle mir vor, dass nach einer Jagd, ein Mensch aus meiner Sippe neben mir sitzt, er formt, er schlägt eine Figur aus dem Gestein "Oolith", er benötigt Tage, Wochen dazu. Ich betrachte sie kurz und erkenne eine "Figurine". Ich stelle mir vor, dass er sie in einer Mulde, vielleicht bei einem eiligen Aufbruch im “Löss” vergisst. Erst im Jahre 1908 nach Chr., also ca. 31 000 Jahre nach ihrer Herstellung, wird sie bei Bahnbauarbeiten wieder entdeckt und ausgegraben. Ich stelle mir vor...

Ich wandere mit Sylvia Mehlbeer ca. 80 km durch die “Wachau". Ich wollte nach meinen Besuchen der “Lonetalhöhlen” auf der “Schwäbischen Alb”, eines Tages auch den Fundort der "Venus von Willendorf" in ca. 700 km Entfernung erreichen.

Fotografien / Standorte

Kulturzeitalter

Die Frau von W. I

Die Frau von W. II

Venus 03

Hugo Darnaut (eigentlich: Darnaut-Fix) . 1851 bis 1937 . Lösswand bei Willendorf . Öl auf Leinwand . nach 1908

E . L . S . E . R . L . A . N . D . S . C . H . A . F . T . 1 . Mit Bruno Nagel . Juni 2019

Elser 01

Hans Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, bei Königsbronn geboren und im April 1945 im KZ Dachau von den Nationalsozialisten ermordet. "Am 8. November 1939 führte er im Münchner "Bürgerbräukeller" ein Bomben-Attentat auf Adolf Hitler und nahezu die gesamte nationalsozialistische Führungsspitze aus, das nur knapp scheiterte. Er wird bis heute verkürzt als „Hitler-Attentäter“ bezeichnet." *

"Ich habe den Krieg verhindern wollen". ** Wir wandern durch jene Landschaft, in der er aufwuchs und sich sozialisierte.

Die Landschaft, in der er ermordet wurde, ähnelt der Landschaft in der er geboren wurde. Es ist dieselbe Vegetation. Bewaldete Hügel erstrecken sich, sanfte Flusstäler sind zu erahnen, die Horizonte entsprechen sich. Die Landschaft also ist relativ, sie ist in sich eins. "Google Maps" zeigt die Entfernung von Königsbronn nach München mit dem Auto, über die A8, 179 Kilometer, mit einer Stunde und siebenundvierzig Minuten an. Ob Hans Georg Elser diese Strecke zu Fuß bewältigte, ist nicht überliefert. Die Landschaft als solche, ist sich ähnlich und damit relativ.

Die Menschen, die sich in einer Landschaft bewegen, durch sie hindurch gehen, sind nicht relativ. Sie sind das Resultat ihrer Erziehung, ihrer politischen Bildung, Meinung und Überzeugung, ihrer gesamten Sozialisation. Jeder kann zum Täter oder Opfer werden. Hinter jedem Hügel verbirgt sich ein anderer Dialekt und eine andere Politik.

Wir wandern zu zweit, über drei Tage, Bruno Nagel und ich, wir kreisen die Landschaft Elsers ein, wir gehen einen großen Bogen. Wir versuchen auf sie einzugehen, auf sie zu zugehen, durch sie hindurch zu gehen. Die "Brenz" gibt uns die Richtung vor. Königsbronn, die "Brenzquelle" und damit "Hans Georg" zu besuchen, war Brunos Idee, der ich mich gerne anschloss.

Hans Georg Elser wurde am 09. April 1945 ermordet. Bruno Nagel wurde am 11. November 1960 in Geislingen und ich am 07. Februar 1964 in Ebersbach an der Fils geboren. Somit beträgt die Differenz zwischen uns lediglich 15, bzw. 19 Jahre. Elser wurde nur 42 Jahre alt. Wir hätten uns noch treffen können, auf ein gemeinsames Bier, zu einem politischen Plausch, im "Bürgerbräukeller" in München oder auf einen Kaffee zu viert im "Waldhorn" in Jebenhausen. Elsa Härlen, seine große Liebe, hätte sicherlich mit am Tisch gesessen. Unsere politischen Ansichten wären nicht weit auseinander gewesen. Die politische Welt in unserem und seinem Sinne ist eine gemeinsame. Die Landschaft ist sich ähnlich!

Elser steht für mich stellvertretend für alle Widerstandskämpfer, die versuchten das “Hitlerregime” zu verhindern. Ich habe allergrößten Respekt vor ihrem Mut!

Ich hinterlasse auf unserer Wanderung, Schilder mit den Namen deutscher Widerstandskämpfer*innen, sie stehen für alle weiteren unbekannten Namen, die versuchten sich dem Regime entgegenzustellen. Ich hinterlasse ihre Namen an spontan gewählten Bäumen, inmitten der Landschaft, in der wir spazieren. Ob sie und vom wem sie registriert werden, weiß ich nicht. Sie sind einfach vorhanden. Es ist eine Erinnerung, eine Hommage an sie.

* Wikipedia
** Zitat: Hans Georg Elser

Fotografien / Schilder

Fotografien / Standorte

“Im Eck sitzt Georg Elser”

Elser I

Elser II

Liste

Elser 02
Elser 03

Otto Reiniger (1863 bis 1909) . Sommerliche Landschaft . Öl auf Leinwand . um 1909

E . L . S . E . R . L . A . N . D . S . C . H . A . F . T . 2 . (”Stammtisch”) . Juni 2019

Elser 07

Ich stelle mir vor: Hans Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg treffen sich mit Heinrich Himmler und Adolf Hitler. Sie sitzen zu viert an einem Tisch, so wie wir auch zu viert, in Jebenhausen im "Waldhorn" an einem Tisch hätten sitzen können. Vielleicht sitzen sie im "Hofbräukeller" in München. Nach und nach, kommen Joseph Goebbels, Hermann Göring, Adolf Eichmann, Josef Mengele, Roland Freisler, Reinhard Heydrich, Albert Speer und Arno Breker, ein "Reigen" der überzeugtesten Nationalsozialisten und Täter, hinzu. Sophie und Hans Scholl betreten das Wirtshaus, bitten um zwei freie Stühle und setzen sich schweigend mit an diesen gespenstischen "Stammtisch". Plötzlich ist es still geworden. Wortlos werden Getränke vor sie hingestellt, Glas auftreffend auf Holz, das einzig hörbare Geräusch im Raum. Flüssigkeit schwappt über. Entschuldigungen erfolgen keine. Nur Elser und Graf von Stauffenberg schauen sich kurz an und flüstern sich zu. Anne Frank, Oskar Schindler, Hans von Dohnanyi, Hannah Arendt, einige der "Entartenden Künstler", George Grosz und Otto Dix und der "Verbrannten Autoren", Theodor Kramer, Bertold Brecht und Kurt Tucholsky, nähern sich der Szenerie. Käthe Kollwitz tritt hinzu. Sie erheben langsam, bestimmt und zunehmend lauter ihre Stimme für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden. Das "Dritte Reich" ist konsterniert, gelähmt und in sich grau. Ich stelle mir vor...

Elser 08
Elser 09

Eine Tageswanderung (Wege) . April 2019 bis April 2020

001 Wanderung

Unser Vorgänger, Homo Erectus verließ seine gebückte Haltung, Homo Sapiens verfeinerte den aufrechten Gang. Erectus jagte, in dem er seinem Wild bis zu 80 km hinterher lief. Er kannte weder Fallen, noch Waffen. Er erlegte seine Beute durch Ausdauer. Sapiens verbreitete sich über hunderttausende von Jahren bis in unsere heutige bekannte Welt, verteilte sich auf allen Kontinenten, verdrängte "Neandertalis", erfand Ackerbau, Viehzucht und unsere Kultur. Unsere Vorgänger, im wahrsten Sinne des Wortes, waren Lang- und Dauerläufer, hatten eine Lang- und Ausdauermuskulatur entwickelt. Noch unsere Urgroßeltern liefen unzählige Kilometer zu ihrer Arbeit. Seit nur einhundert Jahren verkümmern wir, haben “Fort-bewegungsmittel” erfunden, viele von uns sitzen in klimatisierten Büros mit gekrümmtem Rücken, auf ergonomischen Stühlen, die uns vor Monitoren das Sitzen erleichtern sollen.

Wir wandern seit ca. 2,5 Millionen Jahren, aus dem "Neogen" heraus, sind angekommen im "Anthropozän", in dem von uns Menschen gemachten Zeitalter. Wandern hat in unserer Geschichte eine sehr lange Tradition: Die Völkerwanderungen der vergangen Jahrmillionen, seien es die ersten "Geschäftsreisen" zwischen "Schwäbischer Alb" und den Höhlen im Süden Frankreichs. Pilgerfahrten im Namen einer Religion, Eroberungen im Rahmen der eigenen Ausbreitung, Feldzüge im Sinne des Machterhaltes.
Erkundungen im Namen der Wissenschaft, bis hin zu Wanderungen auf unserem Erdtrabant.

Wir wanderten und bewegten uns durch die Jahrtausende. Wir haben Pfade getrampelt, zuerst waren es Warenaus-tauschpfade, Schmugglerpfade, die zu Wegen wurden. Wir haben Pässe überquert, Berge bestiegen, haben aus purer Abenteuerlust Wege gesucht, nur um die höchsten Gipfel zu erreichen, wir haben Wüsten durchquert. Aus unseren Pfaden wurden Wege, Pisten, Furte, Stege, Übergänge, Brücken und Straßen. Aus den Straßen wurden Autobahnen und Fluglinien, mittlerweile kreuzen wir im Weltraum. Die Geschwindigkeit mit der wir uns ausbreiten wird immer schneller. Wir haben "Wege" erfunden, um unser Geld in Millisekunden um unseren Planeten zu jagen.

Einst gründeten sich "Wandervögel, “Naturfreunde”, "Albvereine", das Wandern diente zur "Walz", zur “Arbeitssuche”, und zur “Pirsch”, wurde zum “Handel”, zur “Gnadenlosen Flucht”, zum “Marsch", führte zum “Krieg”. Das Wandern wurde von der Politik vereinnahmt, letztendlich wurde es zur “Sinnsuche”. Wir wanderten während “Demonstrationen”, das ge-meinsame Wandern feierte “Revolutionen”. Wir ersannen das "Pilgern", das "Wallfahren", die "Wanderslust", das "Marschieren", die “Kreuzzüge” und die "Todesmärsche". Nur fünfzehn Jahre danach folgten die "Familienausflüge", die “Spritztour” das "Volkswandern", der "Trimm Dich Pfad", der "Dauerlauf", der “Marathon”. In jüngster Zeit das "Trekking", das "Nordic Walking", das "Speed Hiking" und das "Speed Climbing". Derzeit wird das Wandern wieder zur Kriegs-, Heimat- oder zur Klimaflucht.

Über Jahrtausende mussten Wanderer fürchten “überfallen” zu werden. Es gab “Räuber” und “Wegelagerer”, “Zöllner” und “Grenzer”. Zu überwinden galt es Wälder, Schluchten, Flüsse, Berge, Wüsten, dann Zäune, Fallen, Wälle, Mauern und Grenzen. Es gab Krankheiten und Seuchen die überstanden werden mussten. Königshäuser, Dynastien, Regierungen und Diktaturen die unser Fortkommen verhinderten. Gegenwärtig werden wieder mehr und mehr politische und reale Zäune aufgebaut.
 
Wir haben aber auch den "Müßiggang" erfunden, die “Landpartie”, den "Spaziergang", den Gang in komplentativer Ruhe, die “Erholung”, die "Kur". Bei diesen Wandererungen entstand wohl eine bestimmte Form der Kunst und Kultur, die "Romantik", die Begriffe "Heimat", “Natur- und Tierschutz”, der politische Begriff "Demokratie" wurde geprägt.

Während diesen Wegen entstand die “Diskussion”, das “Gespräch”, die “Kommunikation”, die “Debatte”, der verbale Austausch untereinander. Dieser Dialog hat uns menschlich, persönlich geprägt und politisch geformt. Von dieser Tradition ausgehend, möchte ich mit euch wandern, allein, zu zweit oder zu dritt. Ich will mit euch im Gehen reden, über das Gehen, gemeinsam den "Spaziergang" pflegen. Unterwegs würde ich euch gerne Fragen stellen, zum "Wandern" und zu euren Wegen.

Im Gehen nachdenken über "Angekommen sein", oder nicht, "Weitergehen" oder nicht, wo wir "Innehalten" konnten, oder nicht. Wo wir "Stehen geblieben" sind, uns "Umgedreht" haben oder zur "Rückkehr", zur "Umkehr" gezwungen wurden. Im Gehen nachdenken, wo wir auf "Unwegsames Gelände" gestoßen sind,  in welchen "Sackgassen" wir gelandet sind und was für "Umwege" wir benötigt haben, um wieder "Weitere Wege", für uns "Sinnvolle, neue Wege" zu finden. Dazu, was wir in unseren "Märschen" durch die Gegenwart und Vergangenheit tatsächlich erlebt und erreicht haben, was uns wichtig ist, was schlussendlich übrig bleibt, was bestehen bleibt und ist. Was bedeuten uns Wege überhaupt?

Ich biete eine "Tageswanderung", einen "Spaziergang" an, nur ca. 13 Kilometer weit, die Strecke soll mit allen die gleiche sein. Ein Weg durch unsere Alblandschaft, über den "Weißen Jura" hinweg. Es ist ein Weg, mit zwei kurzen Steigungen, den "Albtrauf" entlang. Letztendlich geht es mir um das gemeinschaftliche "Schreiten in der Natur". Vielleicht ent
stehen dadurch auch neue "Schritte", Konsequenzen und Wege. Wie oft ich diese Wanderung, diese Runde schon gegangen bin, allein oder mit mehreren, weiß ich nicht mehr, ich wiederhole sie gerne immer wieder.

Termine: Ich wandere mit euch fast jeden Samstag und Sonntag, ab Mai 2019 bis Ende April 2020, nach Absprache.

Nachsatz: Es herrscht, nach wie vor, Krieg und Flucht. Ich lese von Ethnischen Säuberungen, ich lese von Räumungen, Vertreibungen, Aussiedlungen, von Deportationen und Exil. Ich lese von Umstürzen, vom Entkommen und vom Abschied. Ich lese auch vom Ankommen Vertriebener in einer neuen Heimat. Auch dies sind "Wanderungen", große und weite persönlich entschiedene Wanderungen, “Lebenswege” über Kontinente hinweg. Ich hatte das Glück immer freiwillig wandern zu können, ich wurde noch nie vertrieben, dazu getrieben oder gezwungen.

Eine Tageswanderung

“Wanderungskultur”

002 Wanderung
009 Otto Laichinger

Otto Reiniger (1863 bis 1909) . Herbstliche Landschaft . Öl auf Leinwand . 23 x 31 cm . 1893

Wir zeigten unsere Bilder (remix IV) 7293 Tage . Mit Sylvia Mehlbeer . 1999 bis Februar 2019

Bild 05 Wir zeigten uns unsere Bilder 02 2019

Fotografie: Markus Simon . 16.02.2019

Am 16.02.2019, zeigen wir auf der Gemarkung 10/1-Haier unsere Bilder. Wir wiederholen die Aktion zum vierten Mal, die erste Aktion fand am 28.02.1999 statt. Seitdem sind 7293 Tage vergangen, die Landschaft hat sich kaum verändert. Ein paar Bäume wurden gefällt, neue gepflanzt, manche sind inzwischen gebrochen, die Gegend ist noch immer kein Bau-gebiet. Wir hatten Publikum, fünf Personen waren zugegen. So wurde aus der ursprünglichen Aktion: "Wir zeigten uns unsere Bilder", die Aktion: "Wir zeigten unsere Bilder". Spaziergänger waren kaum zu sehen, kein Hundegebell war zu hören. Strahlendes Wetter, für die Jahreszeit zu warm. Erste noch kaum sichtbare Knospen, die "Blaue Wand", die Alb gut sichtbar am Horizont.

Wir danken Diane Sofka, Norbert Fischer, Christine Sikora, Konstantin Bressmer und Bruno Nagel für Ihre Darstellung von fünf Personen. Markus Simon für die Neuformatierung der Perspektive und der Realisation der Fotografie.

Fotografien / Aktionen 1999 bis 2019

Texte / Aktionen 1999 bis 2019

Wahrscheinlichkeit / Unwahrscheinlichkeit I . Konzept und Realisation mit Norbert Fischer . Oktober 2018

Wahrscheinlichkeit Bild 01
Wahrscheinlichkeit Bild 02

Von der Wahrscheinlichkeit und der Wirklichkeit aufeinander zu treffen.

Seit nahezu 25 Jahren wohnen wir gemeinsam im Wohngebiet "Gemarkung 10/1 Haier", lediglich zwei Straßenzüge aus-einander, Luftlinie ca. 500 Meter. Wir sind beide über diesen langen Zeitraum "werktätig", wir verlassen unsere Wohnorte ungefähr zur selben Zeit und kehren ungefähr zur gleichen Zeit, zum "Feierabend" wieder in diese zurück. Die Wahr-scheinlichkeit sich zu treffen, ist also sehr hoch, wir könnten uns theoretisch zweimal pro Tag begegnen! Ich fahre jeden Arbeitstag an der Buchenstrasse 30 vorbei, Norbert Fischer, quert jeden Arbeitstag zu Fuß meine Wohnung in der Opelstr. 51. Die Wahrscheinlichkeit sich in 25 Jahren zu treffen, könnte also dadurch noch höher sein!

Bei einer angenommenen Wahrscheinlichkeit, wir könnten uns in 220 Arbeitstagen, täglich zweimal treffen, lehrt uns die Realität, dass dies nicht der Fall ist. Aufgrund dieser Annahme, dass wir uns in 220 Arbeitstagen zumindest einmal täglich treffen könnten, zeigt uns die Realität, dass auch dies nicht der Fall ist.

Von dieser ausgehend, hätten wir uns mindestens 110mal per Jahr treffen können, wenn man eine Wahrscheinlichkeit von 50 % voraussetzt und auch die kurze Distanz berücksichtigt. Das heißt: In 25 Arbeitsjahren hätten wir uns 2530 mal begegnen können. Wochenende und Feiertage sind in dieser Berechnung natürlich nicht kalkuliert. Es zeigte sich allerdings, dass auch dies nicht der Fall ist.
   
Die Realität ist, dass wir in diesem langen, 25 jährigen Zeitraum lediglich ca. 20 Mal und absolut zufällig, in unserem Wohngebiet aufeinander getroffen sind. Das ist verblüffend, da die Wahrscheinlichkeit eigentlich eine andere sein sollte. An einige Begegnungen erinnere ich mich gut, manche sind in Vergessenheit geraten.

Über 25 Jahre, das sind 9125 Tage, fanden unsere zufälligen Treffen also nur alle 456,25 Tage statt! Die Wahrscheinlich-keit sich zu treffen, ist tatsächlich also sehr gering, sie wird von der Wirklichkeit absolut übertroffen, sich nicht zu treffen!

Um diese Un-Wahrscheinlichkeiten zu erleben, bestimmten wir gemeinsam ein Territorium, in dem wir uns bewegen wollten. Wir beschränkten uns auf ca. 20 Straßen unseres Wohngebietes “Gemarkung 10/1 Haier”. Es schien uns unwahr-scheinlich, dass wir uns in diesem Umkreis nicht treffen!

Am 30.09.2018, es ist ein arbeitsfreier Tag, ein Sonntag, verlassen wir um 07.30 Uhr unsere Wohnungen, es ist sonniges Wetter, jeder bewegt sich frei innerhalb dieses Gebietes. Die einzige Vorgabe ist, unsere Wege zu dokumentieren und nach 2,5 Stunden, um 10.00 Uhr zu unseren Ausgangspunkten zurückzukehren. Unsere Wege durch ein typisch deutsches Wohngebiet, sind zwei kurze Abschnitte unseres Lebens, die wir zur gleichen Zeit begehen, die sich ähneln und die wir unabhängig voneinander erleben.

Tatsächlich trafen wir uns an diesem Sonntag einmal, es war ein Tag des nicht enden wollenden Sommers des Jahres 2018. Die Begegnung, die einzige Begegnung fand um 08.32 Uhr, vor einer uns beiden prägenden Wegmarke, dem Wasserturm statt. Wir gaben uns die Hände, begrüßten uns kurz und gingen wieder auseinander, jeder in seine Richtung, auf seinem eigenen, weiteren Weg. Da wir uns in diesen 2,5 Stunden "Wanderung" nur einmal begegneten, entspricht dieser Zufall unseren Begegnungen der letzten 25 Jahre, die nur alle 456,25 Tage stattfanden. Die Wahrscheinlichkeit ohne vorherige Absprache, uns wieder zu begegnen bleibt weiterhin sehr gering.

Wie hoch diese ist, uns in den kommenden Jahren ohne Absprache zu treffen, wissen wir nicht, wir können diese nur erahnen. Möglicherweise treffen wir uns erst im Jahr 2020, oder im Jahr 2023, oder nie wieder, oder jeden Tag, aber auch das ist sehr unwahrscheinlich. Die angenommene Wahrscheinlichkeit, wurde uns zur Unwahrscheinlichkeit und diese zur absoluten Realität.

Fotografien I

Fotografien II

Skizzen

Wahrscheinlichkeit Bild 03

Gustave Courbet (1819 bis 1877) . Die Begegnung (oder: Bonjour, Monsieur Courbet) . Öl auf Lw. . 129 x 149 cm . 1854 . Montpellier, Musée Fabre

Wahrscheinlichkeit Bild 04

(Definierte) Landschaft . Was ist Landschaft? . Mit Arne Schneider . September 2018

Landschaft def. (1)
Landschaft def. (4)

Karl Buchholz (1849 bis 1889) . Vorfrühling im Webicht bei Weimar . Öl auf Lw. . 51,5 x 75,5 cm . 1876 . Im Besitz der Hamburger Kunsthalle

Was ist Landschaft? Ein Weg, eine Gegend, ein Garten? Oder ist Landschaft gleichbedeutend mit "Heimat" und damit ein vages Gefühl? Ist "Heimat" die Landschaft die uns umgibt, oder ist "Heimat" die Landschaft in der wir uns sozialisierten? Hat der Begriff "Heimat" überhaupt mit Landschaft zu tun? Ist Heimat ein Dilemma des zu späten Ankommens, des Scheiterns oder wurde sie manchen zur nie erreichten Fluchtmöglichkeit, zur Falle? Ist Heimat, Landschaft, die heimatliche Landschaft ein Bild, eine Erinnerung, eine Fiktion die wir in uns tragen?

Ist Landschaft eine Vorstellung, ein Konstrukt, eine Erklärung, wird sie uns damit zur persönlichen Geschichte? Ist "Die Landschaft" eine romantische Anschauungsweise? Eine Allegorie? Ist Landschaft eine Zustandsbeschreibung von etwas, die wir zum einen idealisieren, zum anderen aber nicht mehr in der Lage sind, sie als solche wahrzunehmen, sie uns zur Abstraktion, zur Unbekannten wird?

Ist "Landschaft" lediglich eine Klassifikation in der Kunstgeschichte? Wie oft wurde die ursprüngliche Landschaft zu einem Park umgestaltet? Ist Landschaft ein Gedicht, oder ein Kunstwerk, die Melodie in einem Musikstück? Ist "Die Landschaft" in alten Fotografien begründet und vermittelt uns ein Gefühl einer "längst vergangenen guten Zeit”? Oder vermitteln uns alte Landschaftsfotografien das Grauen zweier Kriege, die teilweise schon in Farbe "geschossen" wurden?

Empfinden wir noch die “Ruhe der Landschaft”, wenn wir in ihr "wandeln" oder zerstückeln wir sie mittlerweile in die Tak-tungen unserer permanenten Erreichbarkeit? Ist Landschaft noch anolog, oder haben wir sie zu einer digitalen Zahlenfolge degradiert? Empfinden wir Landschaft nur noch fragmentarisch und was bedeuten uns alte Landschaftsmalereien, Unikate, Abbildungen in Öl, die nur langsam “hergestellt” werden konnten und viel Zeit und Ausdauer in Anspruch nahmen?

Bietet uns die Landschaft noch das ruhige “Spazieren” durch die Natur, ist sie noch das viel zitierte "Sehnsuchtsgebiet? Kann die Landschaft uns weiterhin das Glück des "Aufatmens" bieten? Suchen wir nach Beständigkeit in ihr, nach dem Antlitz eines spiegelnden Gebirges in einem See? Versenden wir eine Postkarte von diesem Anblick, oder ist sie uns zu einem Binärcode geworden, den wir in den "Sozialen Medien" "posten", um schnell zu zeigen wo wir waren? Finden wir die Gegenwartslandschaft nur noch in Hochglanzmagazinen, als Exklusivprodukt stilisiert und romantisch verklärt, ist sie also Kosmetik? Ist Landschaft ein Gedicht oder ein Biotop, oder ein Bericht über das Biotop und das Gedicht?

Verstehen wir Landschaft noch als Gefahr, ist uns Landschaft noch ein Abenteuer? Ist die Landschaft ein Organismus, der in seiner Vielfältigkeit schon lange nicht mehr existiert? Ist der Begriff "Landschaft" eine Idealisierung der Natur, ist Land-schaft eine Wahrnehmung oder lediglich ein Begriff? Ist uns die Landschaft ein Park oder unberührtes Gelände? Ist die Landschaft ein Gemälde, oder ist sie uns zum Hintergrund, zur Staffage eines Produktes entglitten? Stört uns ein "Land-schaftsschutzgebiet" in unserer "Dynamik", in unserer wirtschaftlichen Entwicklung? Ist uns die Landschaft also lediglich Strapaze, die bearbeitet, die geordnet und planiert werden muss? Ist sie nicht längst zu einem "Wirtschaftweg", zu einem "Wirtschaftszweig", zur “Agrarwüste”, zu einem Parkplatz vor einem "Supermarkt" degeneriert?

Was empfinden wir bei Nebel und Regen, bei Hitze und Wind, nehmen wir Landschaftszustände überhaupt noch wahr? Oder werden uns diese bereits zu einer Ausnahmesituation? Wann haben wir uns zuletzt einer Nachtwanderung aus-gesetzt? Sind wir richtig gekleidet in der Landschaft, gehen wir aus oder gehen wir hinein in die Landschaft? Gehen wir noch auf die Landschaft ein, nehmen wir uns Zeit für sie, mit all ihren Ausblicken, Störungen und unseren Vorstellungen einer idealisierten Natur? Letztendlich gehen wir aus dieser hervor! Oder ist sie uns schon längst museal geworden? Was ist Landschaft und welcher ist der richtige Weg durch sie hindurch? Wie viel Landschaft haben wir noch zur Verfügung und wie viel Restlandschaft, tragen wir noch in uns?

Ich reduziere auf meinem Weg, die Landschaft auf Definitionen, die ich Wörterbüchern entnehme und diese in Form von Schildern in der Landschaft hinterlasse. Ich lasse damit all diese oben gestellten Fragen offen und belasse es bei dem Versuch, der Landschaft in all ihrer Komplexität nahezutreten. Ich entziehe der Landschaft all ihre mögliche Romantik, Symbolik und Dramatik. Ich stelle nur fest, dass sie als solche existiert, noch funktioniert, betrachtet und analysiert werden kann. Ich verzichte auf Erklärungen und dezimiere sie auf ihren eigenen Begriff, den der "Landschaft". Ich suche nach ihrer weiteren Funktion, nach anderen möglichen Farben und Formen. Diese Suche ist in all ihrer Subjektivität und Beant-wortung mehr als fraglich. Was ist Landschaft und was kann uns “Die Landschaft” noch erzählen?

Ich wandere mit Arne Schneider 100 km durch die Pfalz, durch eine Landschaft, die mir fast eine zu liebliche war und die über die Jahrhunderte zu der einen oder anderen Parklandschaft oder Parkplatzlandschaft umgestaltet wurde.

Fotografien / Schilder

Fotografien / Standorte

Definitionen

Landschaft def. (2)
Landschaft def. (3)

Pralle Sonne ("Anthropozän") . Mit Bruno Nagel . September 2018

Ries 05
Ries 01

Der Durchmesser des "Nördlinger Rieses" beträgt ca. 24 km, multipliziert mit Pi, ergibt der Umfang somit ca. 75,36 km. Diese Strecke wollten wir erwandern, immer am Kraterrand entlang. Es gab keinen geradlinigen Wanderweg, wir liefen kreuz und quer, durch Äcker, wir bewegten uns in lang gezogenen Winkeln und Kreisen, suchten Wege, hangelten uns an dem fast kreisrunden Umfang entlang und realisierten, dass die 75 km, zu 100 km werden könnten und in der uns zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich waren. So wurde uns die Strecke zu einer Wanderung über vier Tage in Fragmenten, die uns aber einen Eindruck über die Auswirkungen des "Impacts" oder über das "Ries-Ereignisses" gaben. Die "pralle Sonne" auf unserem fast schattenlosen Weg erschien uns gnadenlos.

Vor 14,4 Millionen Jahren stürzte in diesen Graden ein Asteroid auf unser Gebiet, die Auswirkungen waren verheerend. Ich hinterlasse auf unserem Weg 21 Tafeln, die an unsere Erdzeitalter erinnern. Die erste Tafel bezeichnet das "Hadaikum", das ca. 4,6 Milliarden Jahre vor uns liegt, in der das Erstarren unseres Planeten stattfand, die letzte Tafel das "Anthropozän", beschreibt unsere, durch uns Menschen veränderte Geologie des Planeten. Dieses durch die Wissenschaft noch nicht anerkannte Erdzeitalter, hinterlasse ich als letzte Tafel zum Abschluss unserer Wanderung, in der Wohnung, zwischen seinen Bildern, meines Mitwanderers Bruno Nagel. Einen endgültigen Platz für das "Anthropozän" will er selbst finden. Wir waren endlich im Schatten, die “pralle Sonne” verlor sich draußen, hinter geschlossenen Fensterläden.

Der "Ries-Impact" durchdrang im "Kanozoikum", während der Systeme "Neogen" und "Paläogen", die Schichten des "Pliozän" und "Miozän", er vermischte die Ablagerungen des "Oligozäns" und des "Eeozäns", vielleicht schürfte er auch noch am "Paläozän". Immerhin drang er bis zu viertausend Meter in die Erdschichtungen ein und erhob seine Reste fünfzig Kilometer in die Stratosphäre. Der gewaltige Einschlag dürfte also einige alte Schichten aus diesen Zeitaltern grundsätzlich durcheinander gebracht und neu aufgeschichtet haben. Eine Wanderung wäre während dieses Ereignisses und Umständen undenkbar gewesen. Ob der Impact während "praller Sonne" oder während eines Tiefdruckgebietes stattfand, wissen wir nicht.

Wissenschaftlich gesehen, lebt die Menschheit derzeit im "Kanozoikum", im System "Quartär", in der Serie "Holozän". Tatsächlich sind wir längst im "Anthropozän" angekommen, ob wir wollen oder nicht. Der Einschlag des Asteroiden, der Impact vermochte es, uns die Erdzeitalter, die Gesteine, die so nur im "Ries" zu finden sind, in all ihren Farben, in all ihrer Pracht, mitten in der "prallen Sonne", vor uns auszubreiten. 

Ich danke Bruno, dass wir dieses Stück "Anthropozän", unter der "prallen Sonne", gemeinsam gegangen sind..

Fotografien / Standorte

Fotografien

Ereignis

Ries 03
Ries 02

HAP (Skizze einer Wanderung oder Fragment einer Geschichte) Wanderung X . Juni 2018

HAP Bild 01

Prolog: In einem Klassenraum der ausgehenden "Siebziger" sitzend, fixierte ich über Jahre eine Grafik, gerahmt von einem dürren braunen Rahmen. Es war ein "Friedensengel" und gleichzeitig ein "Totentanz", der Strich, die Gestik war fulminant. Es war ein Holzschnitt von HAP.

HAP steht für Helmut Andreas Paul, HAP Grieshaber ist am 12. Mai 1981 verstorben. Er war ein grandioser Holzschneider, Zeichner, Grafiker, vor allem, politischer Künstler und unermüdlicher Mahner!

Die Geschichte beginnt mit einer Exkursion BNs, die er ein Jahr zuvor unternommen hatte und über die er mir berichtete. BN steht für Bruno Nagel.

Im zeitigen Frühjahr stellen wir sie nach, denn nur so wird uns eine gemeinsame Geschichte daraus. Wir sind zu dritt. Es ist der planlose Versuch einer Wanderung, das Fragment einer Geschichte. Wir wandern oberhalb von Eningen und unterhalb der "Achalm", als wir HAPs Grundstück suchen. Unsere Wege verlaufen verquer.

Zufällig finde ich bei den Überresten von HAPs Gehäusen, die bis heute verwahrlost stehen, in einem Beet am Rande, eine graue Kalkschale, eine Miesmuschelschale. Seitdem stelle ich mir vor, wie diese Hülle eines Meerestieres dorthin geraten ist. Wie sie dort gestrandet sein könnte, in den Streuobstwiesen unter der "Achalm", zwischen den hohen fast schon blühenden Süßgräsern, die wie Wellen im Wind wogen, vielleicht gerade deshalb.

BN findet vor einem Jahr, in einer Ecke eines Raumes, auf dem Boden dieser noch offen zugänglichen, von HAP über Jahrzehnte immer weiter zusammen gezimmerten Buden, drei eingerollte, zerkratzte Foto-Negative, die dort seit wohl über dreißig Jahren im Staub liegen. Er entscheidet sich, diese entwickeln zu lassen. Die Ergebnisse verblüffen uns, ist doch auf ihnen eine männliche Person zu sehen, die in einer schwäbischen Heidelandschaft spazieren geht. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dieser fotografierten Person um HAP handelt. Dies wäre auch ein möglicher Teil der Geschichte, oder die Skizze zu einer Geschichte, die noch erwandert werden muss.

Wir spielen mit dem Gedanken, dass die Fotografien von Margarete Hannsmann stammen könnten. Auch dies wäre ein möglicher, ein weiterer Teil einer Geschichte. Von 1967, bis zum Tode von HAP, 1981, waren HAP und MH Lebens-gefährten. Ihre intensive Beziehung spiegelt sich in ihrem Buch "Pfauenschrei, die Jahre mit HAP Grieshaber" wieder.

Ich lasse auf HAPs ehemaligem Grundstück eine versteinerte Juramuschel zurück, die ich in einer meiner Taschen trage, zum Tausch für die Miesmuschel. Vor Monaten habe ich sie der Albhochfläche entnommen. Somit wird auch sie zu einem Teil der Geschichte. Ein “Ebenbild”, ist auf einer der folgenden Fotografien abgebildet.

Dieses Fragment einer Wanderung und einer möglichen Geschichte soll an die Arbeit von HAP erinnern.

BN schreibt eine Postkarte, versehen mit unseren Grüßen, die HAP, 37 Jahre nach seinem Tod, nicht mehr erreichen wird. Diese von BN hinterlassene Botschaft ist wieder eine andere Geschichte.

Ich wandere mit SM und BN, SM steht für Sylvia Mehlbeer, von der “Achalm” zurück, in Richtung “Hohenstaufen”. Zwei An-hebungen der Alb, die eine ähnliche Kontur aufweisen und aus der Entfernung eine gleichsam lineare Horizontlinie ergeben.

Fotografien / Negative

Fotografien

Fotografien

HAP Bild 02
HAP Bild 03

Leitung 0303 Donau-Ost (Sechs Biegungen) . April 2018

Strom-Leitung 01

"Knollenmergel" klebt an meinen Stiefeln und lässt mich das Gewicht der vergangenen zwei Tiefs spüren, die über die Landschaft hinweg zogen. Ich hinterlasse eine matschige Spur, ich gehe querfeldein und trage schwer an diesem Lehm. Von der Landstraße L1236 zur Landstraße L1214 wandere ich vom Landkreis Göppingen zum Landkreis Esslingen. Auf meinem Weg, überquere ich die Landstraßen L1200 und L1213, ich beginne bei der Gemarkung Westerheim auf der Albhochfläche.

Meine Wanderung folgt nicht den Pfaden, den vertrauten Wegen der vergangenen Jahrhunderte, ich folge nicht den ausgewiesenen Wanderwegen. Ich nehme eine Abkürzung und verzeichne auf meinem fast fünfundzwanzig Kilometer langen Weg lediglich sechs sanfte Biegungen, die lang gezogenen Autobahnkurven gleichen, die Strecken dazwischen verlaufen in absoluten Geraden. Ich wandere unter einer Hochspannungsleitung.

Das Summen des Stroms begleitet mich beständig, er wird zu einem Knistern, je nachdem wie nah ich mich unter der durchhängenden Leitung befinde. Diese Überlandleitung wird mit 360 kV, mit 360 000 Volt genährt, sie kommt von der Donau und wird den Neckar überqueren. Über viele Kilometer bin ich mir nicht sicher, ob diese Stromspannung, dieser Impuls, diese Frequenzen, das Schlagen meines Herzens, meinen Puls stört und der Rhythmus der Ampere meinen Organismus beeinträchtigt. Ich spüre ein sanftes Unbehagen und eine stete Unsicherheit in mir.

So schonend die langen Kurven auf der Albhochfläche sind, so ungnädig sind die Abstiege und ein Aufstieg unter dieser "Leitung", die am Albtrauf in Falllinien verlaufen. Diese Gefälle erwandere ich schlitternd und rutschend, der gesamte Jura scheint mich zu treiben, das ehemalige Meer offenbart mir seinen rutschigen Untergrund.

Ich winde mich über monotone Äcker, durchquere Hecken, bücke mich durch Sträucher, rieche den Holunder schon in dieser noch kühlen Jahreszeit, spüre die Schlehen, sie durchstoßen mit ihren Stacheln meine Haut, ich quere auf meinem Weg die junge "Fils". Während der nächsten Falllinie, hoch zum "Bläsiberg", atme ich schwer und ziehe mich an Stämmen und Ästen klammernd eine extreme Steigung empor. Zum "Boßler" hin, entlang der geraden Linie begegnet mir frischer Ostwind, ich biege ab nach unten. In einem Tal angekommen, durchstreife ich herrliche Streuobstwiesen. Die Knospen der Bäume, stehen kurz vor ihrer Blüte, es ist warm geworden, ein Hoch soll kommen.

Bewusst meide ich Umgehungen, ich wandere quer hindurch, durch gewachsen gelassene und organisierte Landschaft, der Linie entlang, der Geometrie der "Leitung 0303 Donau-Ost” entsprechend folgend. Diese Landschaft, auch unsere gegenwärtige Ökonomielandschaft leistet mir noch genügend Widerstand. Nur vereinzelt treffe ich auf Menschen und Tiere, dafür auf “Wirtschaftswege” und “flurbereinigte” Gebiete.

Nach ca. sieben Stunden Gehzeit erreiche ich die Landstraße L1214 bei Weilheim. Ich strande an einer Tankstelle. Die "Leitung" geht weiter Richtung Norden, sie verliert sich im grauen Horizont der Industrie-Gebiete entlang der Autobahn 8.

Fotografien

Längenmeter / Höhenmeter

“Ein Künstler unter Strom”. Artikel in der NWZ, 05. 01. 2019

Strom-Leitung 05

Karte 20 des Schwäbischen Albvereins, Geislingen / Blaubeuren, 1:35000 . Herausgeber: LA für Geoinformation und Landentwicklung BW (LGL)

Strom-Leitung 02

Schwarzer Jura / Weißer Jura / Schwarzer Jura . März 2018

Pliensbachium 02
Pliensbachium 01

In einem hoch gelegenen Wald suche ich die Quelle des “Pliensbaches”. Von ihr ausgehend, wandere ich entlang des Gewässers bis hin zu seiner Mündung. Meine Wanderung beginnt um 13.17 Uhr und endet um 16.48 Uhr an jener Stelle, wo sein Lauf von einem anderen Bach aufgenommen wird. Ich habe eine tiefere Jura-Ebene, das Albvorland erreicht. Es ist der 24. März, ein warmer Tag, an dem der Winter vom Frühjahr übernommen wird.

Ich gehe mit den Rändern des Baches und nehme auf meinem Weg all seine Kurven und Ausbuchtungen, seine Versuche wahr, sich in die Erdgeschichte einzugraben. Teils muss ich mich dichtem Gebüsch widersetzen und quere den Bachlauf mehrmals. Für seine Wegstrecke benötige ich 211 Minuten. In dieser relativ kurzen Zeit durchwandere ich ein ganzes erdgeschichtliches Zeitalter, das "Pliensbachium", das einen Zeitraum von vor 190 bis etwa 182 Millionen Jahren v. Chr. beschreibt und das nach diesem unscheinbaren Bach benannt wird.

Ich hinterlasse einen Stein im "Pliensbachium", im Pliensbach, einen Kalkstein, den ich auf der Albhochfläche, von der obersten, der jüngsten Bodenschicht des ehemaligen "Jura-Meeres" entnahm. So wird das Bruchstück aus dem "Weißen Jura" wieder zu einem Bestandteil dessen, was es erdgeschichtlich schon weit früher war, zu einer denkbaren, fiktiven Schicht im "Schwarzen Jura", zu einer weißen Störung im schwarzen Gefüge.

Ich stelle mir vor, der "Schwarze Jura" wäre nicht die unterste, sondern die oberste Schicht, so wäre der Albboden nicht von weißem Kalk, dem "Weißen Jura", sondern von versteinertem Schlamm, dem "Schwarzen Jura" bedeckt. Dies ergäbe einen anderen Weg durch unsere Erdgeschichte und uns einen vollkommen anderen Blickwinkel auf unseren Boden.

Fotografien / Standort

“Pliensbachium”

“Stratigraphische Tabelle 2016”

Pliensbachium 04
Pliensbachium 03

“The Biostratigraphy of the Lower Pliensbachium at the Type Locality (Pliensbach, Würrtemberg, SW-Germany)” . Rudolf Schlatter . Herausgeber: Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, “Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde”, Serie B, Nr. 27, Seite 8, 20.06.1977

Wir zeigten unsere Bilder (remix III / Neuauflage III) 6951 Tage . Mit Sylvia Mehlbeer . 1999 bis März 2018

Bild 04 Wir zeigten uns unsere Bilder 03 2018

Fotografie: Markus Simon . 11.03.2018

Am 11.03.2018, zeigen wir auf der Gemarkung 10/1-Haier unsere Bilder. Wir wiederholen die Aktion zum dritten Mal, die erste Aktion fand am 28.02.1999 statt. Seitdem sind 6951 Tage vergangen, die Landschaft hat sich kaum verändert. Ein paar Bäume wurden gefällt, neue gepflanzt, die Gegend ist noch immer kein Baugebiet. Wir hatten Publikum, zwei Per-sonen waren zugegen. So wurde aus der ursprünglichen Aktion: "Wir zeigten uns unsere Bilder", die Aktion: "Wir zeigten unsere Bilder". Spaziergänger waren kaum zu sehen, kein Hundegebell war zu hören. Wolkenreiches, graues, warmes Wetter. Erste noch kaum sichtbare Knospen an den Schlehen, Märzenbecher aufblühend schon in einem anderen Tal.

Ich danke Diane Sofka und Norbert Fischer für Ihre Darstellung zweier Personen und Markus Simon für die Neuformatier-ung der Perspektive und der Realisation der Fotografie.

Fotografien / Aktionen 1999, 2014, 2017, 2018

Texte / Aktionen 1999, 2014, 2017, 2018

Aktionen, Handlungen, Wanderungen, Skizzen und Fragmente .1998 bis 2018

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