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Aktionen, Handlungen, Wanderungen, Skizzen und Fragmente . 2018 bis XXXX

HAP (Skizze einer Wanderung oder Fragment einer Geschichte) Wanderung X . Juni 2018

HAP Bild 01

Prolog: In einem Klassenraum der ausgehenden "Siebziger" sitzend, fixierte ich über Jahre eine Grafik, gerahmt von einem dürren braunen Rahmen. Es war ein "Friedensengel" und gleichzeitig ein "Totentanz", der Strich, die Gestik war fulminant. Es war ein Holzschnitt von HAP.

HAP steht für Helmut Andreas Paul, HAP Grieshaber ist am 12. Mai 1981 verstorben. Er war ein grandioser Holzschneider, Zeichner, Grafiker, vor allem, politischer Künstler und unermüdlicher Mahner!

Die Geschichte beginnt mit einer Exkursion BNs, die er ein Jahr zuvor unternommen hatte und über die er mir berichtete. BN steht für Bruno Nagel.

Im zeitigen Frühjahr stellen wir sie nach, denn nur so wird uns eine gemeinsame Geschichte daraus. Wir sind zu dritt. Es ist der planlose Versuch einer Wanderung, das Fragment einer Geschichte. Wir wandern oberhalb von Eningen und unterhalb der "Achalm", als wir HAPs Grundstück suchen. Unsere Wege verlaufen verquer.

Zufällig finde ich bei den Überresten von HAPs Gehäusen, die bis heute verwahrlost stehen, in einem Beet am Rande, eine graue Kalkschale, eine Miesmuschelschale. Seitdem stelle ich mir vor, wie diese Hülle eines Meerestieres dorthin geraten ist. Wie sie dort gestrandet sein könnte, in den Streuobstwiesen unter der "Achalm", zwischen den hohen fast schon blühenden Süßgräsern, die wie Wellen im Wind wogen, vielleicht gerade deshalb.

BN findet vor einem Jahr, in einer Ecke eines Raumes, auf dem Boden dieser noch offen zugänglichen, von HAP über Jahrzehnte immer weiter zusammen gezimmerten Buden, drei eingerollte, zerkratzte Foto-Negative, die dort seit wohl über dreißig Jahren im Staub liegen. Er entscheidet sich, diese entwickeln zu lassen. Die Ergebnisse verblüffen uns, ist doch auf ihnen eine männliche Person zu sehen, die in einer schwäbischen Heidelandschaft spazieren geht. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dieser fotografierten Person um HAP handelt. Dies wäre auch ein möglicher Teil der Geschichte, oder die Skizze zu einer Geschichte, die noch erwandert werden muss.

Wir spielen mit dem Gedanken, dass die Fotografien von Margarete Hannsmann stammen könnten. Auch dies wäre ein möglicher, ein weiterer Teil einer Geschichte. Von 1967, bis zum Tode von HAP, 1981, waren HAP und MH Lebens-gefährten. Ihre intensive Beziehung spiegelt sich in ihrem Buch "Pfauenschrei, die Jahre mit HAP Grieshaber" wieder.

Ich lasse auf HAPs ehemaligem Grundstück eine versteinerte Juramuschel zurück, die ich in einer meiner Taschen trage, zum Tausch für die Miesmuschel. Vor Monaten habe ich sie der Albhochfläche entnommen. Somit wird auch sie zu einem Teil der Geschichte. Ein “Ebenbild”, ist auf einer der folgenden Fotografien abgebildet.

Dieses Fragment einer Wanderung und einer möglichen Geschichte soll an die Arbeit von HAP erinnern.

BN schreibt eine Postkarte, versehen mit unseren Grüßen, die HAP, 37 Jahre nach seinem Tod, nicht mehr erreichen wird. Diese von BN hinterlassene Botschaft ist wieder eine andere Geschichte.

Ich wandere mit SM und BN, SM steht für Sylvia Mehlbeer, von der “Achalm” zurück, in Richtung “Hohenstaufen”. Zwei An-hebungen der Alb, die eine ähnliche Kontur aufweisen und aus der Entfernung eine gleichsam lineare Horizontlinie ergeben.

Fotografien / Negative

Fotografien

Fotografien

HAP Bild 02
HAP Bild 03

Leitung 0303 Donau-Ost (Sechs Biegungen) . April 2018

Strom-Leitung 01

"Knollenmergel" klebt an meinen Stiefeln und lässt mich das Gewicht der vergangenen zwei Tiefs spüren, die über die Landschaft hinweg zogen. Ich hinterlasse eine matschige Spur, ich gehe querfeldein und trage schwer an diesem Lehm. Von der Landstraße L1236 zur Landstraße L1214 wandere ich vom Landkreis Göppingen zum Landkreis Esslingen. Auf meinem Weg, überquere ich die Landstraßen L1200 und L1213, ich beginne bei der Gemarkung Westerheim auf der Albhochfläche.

Meine Wanderung folgt nicht den Pfaden, den vertrauten Wegen der vergangenen Jahrhunderte, ich folge nicht den ausgewiesenen Wanderwegen. Ich nehme eine Abkürzung und verzeichne auf meinem fast fünfundzwanzig Kilometer langen Weg lediglich sechs sanfte Biegungen, die lang gezogenen Autobahnkurven gleichen, die Strecken dazwischen verlaufen in absoluten Geraden. Ich wandere unter einer Hochspannungsleitung.

Das Summen des Stroms begleitet mich beständig, er wird zu einem Knistern, je nachdem wie nah ich mich unter der durchhängenden Leitung befinde. Diese Überlandleitung wird mit 360 kV, mit 360 000 Volt genährt, sie kommt von der Donau und wird den Neckar überqueren. Über viele Kilometer bin ich mir nicht sicher, ob diese Stromspannung, dieser Impuls, diese Frequenzen, das Schlagen meines Herzens, meinen Puls stört und der Rhythmus der Ampere meinen Organismus beeinträchtigt. Ich spüre ein sanftes Unbehagen und eine stete Unsicherheit in mir.

So schonend die langen Kurven auf der Albhochfläche sind, so ungnädig sind die Abstiege und ein Aufstieg unter dieser "Leitung", die am Albtrauf in Falllinien verlaufen. Diese Gefälle erwandere ich schlitternd und rutschend, der gesamte Jura scheint mich zu treiben, das ehemalige Meer offenbart mir seinen rutschigen Untergrund.

Ich winde mich über monotone Äcker, durchquere Hecken, bücke mich durch Sträucher, rieche den Holunder schon in dieser noch kühlen Jahreszeit, spüre die Schlehen, sie durchstoßen mit ihren Stacheln meine Haut, ich quere auf meinem Weg die junge "Fils". Während der nächsten Falllinie, hoch zum "Bläsiberg", atme ich schwer und ziehe mich an Stämmen und Ästen klammernd eine extreme Steigung empor. Zum "Boßler" hin, entlang der geraden Linie begegnet mir frischer Ostwind, ich biege ab nach unten. In einem Tal angekommen, durchstreife ich herrliche Streuobstwiesen. Die Knospen der Bäume, stehen kurz vor ihrer Blüte, es ist warm geworden, ein Hoch soll kommen.

Bewusst meide ich Umgehungen, ich wandere quer hindurch, durch gewachsen gelassene und organisierte Landschaft, der Linie entlang, der Geometrie der "Leitung 0303 Donau-Ost” entsprechend folgend. Diese Landschaft, auch unsere gegenwärtige Ökonomielandschaft leistet mir noch genügend Widerstand. Nur vereinzelt treffe ich auf Menschen und Tiere, dafür auf “Wirtschaftswege” und “flurbereinigte” Gebiete.

Nach ca. sieben Stunden Gehzeit erreiche ich die Landstraße L1214 bei Weilheim. Ich strande an einer Tankstelle. Die "Leitung" geht weiter Richtung Norden, sie verliert sich im grauen Horizont der Industrie-Gebiete entlang der Autobahn 8.

Fotografien

Längenmeter / Höhenmeter

Strom-Leitung 05
Strom-Leitung 02

Schwarzer Jura / Weißer Jura / Schwarzer Jura . März 2018

Pliensbachium 02
Pliensbachium 01

In einem hoch gelegenen Wald suche ich die Quelle des “Pliensbaches”. Von ihr ausgehend, wandere ich entlang des Gewässers bis hin zu seiner Mündung. Meine Wanderung beginnt um 13.17 Uhr und endet um 16.48 Uhr an jener Stelle, wo sein Lauf von einem anderen Bach aufgenommen wird. Ich habe eine tiefere Jura-Ebene, das Albvorland erreicht. Es ist der 24. März, ein warmer Tag, an dem der Winter vom Frühjahr übernommen wird.

Ich gehe mit den Rändern des Baches und nehme auf meinem Weg all seine Kurven und Ausbuchtungen, seine Versuche wahr, sich in die Erdgeschichte einzugraben. Teils muss ich mich dichtem Gebüsch widersetzen und quere den Bachlauf mehrmals. Für seine Wegstrecke benötige ich 211 Minuten. In dieser relativ kurzen Zeit durchwandere ich ein ganzes erdgeschichtliches Zeitalter, das "Pliensbachium", das einen Zeitraum von vor 190 bis etwa 182 Millionen Jahren beschreibt und das nach diesem unscheinbaren Bach benannt wird.

Ich hinterlasse einen Stein im "Pliensbachium", im Pliensbach, einen Kalkstein, den ich auf der Albhochfläche, von der obersten, der jüngsten Bodenschicht des ehemaligen "Jura-Meeres" entnahm. So wird das Bruchstück aus dem "Weißen Jura" wieder zu einem Bestandteil dessen, was es erdgeschichtlich schon weit früher war, zu einer denkbaren, fiktiven Schicht im "Schwarzen Jura", zu einer weißen Störung im schwarzen Gefüge.

Ich stelle mir vor, der "Schwarze Jura" wäre nicht die unterste, sondern die oberste Schicht, so wäre der Albboden nicht von weißem Kalk, dem "Weißen Jura", sondern von versteinertem Schlamm, dem "Schwarzen Jura" bedeckt. Dies ergäbe einen vollkommen anderen Weg durch unsere Erdgeschichte.

Fotografien / Standort

“Pliensbachium”

“Stratigraphische Tabelle 2016”

Pliensbachium 04
Pliensbachium 03

“The Biostratigraphy of the Lower Pliensbachium at the Type Locality (Pliensbach, Würrtemberg, SW-Germany)” . Rudolf Schlatter . Herausgeber: Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, “Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde”, Serie B, Nr. 27, Seite 8, 20.06.1977

Wir zeigten unsere Bilder (remix III / Neuauflage III) 6951 Tage . Mit Sylvia Mehlbeer . 1999 bis März 2018

Bild 04 Wir zeigten uns unsere Bilder 03 2018

Fotografie: Markus Simon . 11.03.2018

Am 11.03.2018, zeigen wir auf der Gemarkung 10/1-Haier unsere Bilder. Wir wiederholen die Aktion zum dritten Mal, die erste Aktion fand am 28.02.1999 statt. Seitdem sind 6951 Tage vergangen, die Landschaft hat sich kaum verändert. Ein paar Bäume wurden gefällt, neue gepflanzt, die Gegend ist noch immer kein Baugebiet. Wir hatten Publikum, zwei Per-sonen waren zugegen. So wurde aus der ursprünglichen Aktion: "Wir zeigten uns unsere Bilder", die Aktion: "Wir zeigten unsere Bilder". Spaziergänger waren kaum zu sehen, kein Hundegebell war zu hören. Wolkenreiches, graues, warmes Wetter. Erste noch kaum sichtbare Knospen an den Schlehen, Märzenbecher aufblühend schon in einem anderen Tal.

Ich danke Diane Sofka und Norbert Fischer für Ihre Darstellung zweier Personen und Markus Simon für die Neuformatier-ung der Perspektive und der Realisation der Fotografie.

Fotografien / Aktionen 1999, 2014, 2017, 2018

Texte / Aktionen 1999, 2014, 2017, 2018

Aktionen, Handlungen, Wanderungen, Skizzen und Fragmente .1998 bis 2018

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