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Aktionen, Handlungen, Wanderungen, Skizzen und Fragmente . 2018 bis XXXX

Eine Tageswanderung (Wege) . April 2019 bis April 2020

001 Wanderung

Unser Vorgänger, Homo Erectus verließ seine gebückte Haltung, Homo Sapiens verfeinerte den aufrechten Gang. Erectus jagte, in dem er seinem Wild bis zu 80 km hinterher lief. Er kannte weder Fallen, noch Waffen. Er erlegte seine Beute durch Ausdauer. Sapiens verbreitete sich über hunderttausende von Jahren bis in unsere heutige bekannte Welt, verteilte sich auf allen Kontinenten, verdrängte "Neandertalis", erfand Ackerbau, Viehzucht und unsere Kultur. Unsere Vorgänger, im wahrsten Sinne des Wortes, waren Lang- und Dauerläufer, hatten eine Lang- und Ausdauermuskulatur entwickelt. Noch unsere Urgroßeltern liefen unzählige Kilometer zu ihrer Arbeit. Seit nur einhundert Jahren verkümmern wir, haben “Fort-bewegungsmittel” erfunden, viele von uns sitzen in klimatisierten Büros mit gekrümmtem Rücken, auf ergonomischen Stühlen, die uns vor Monitoren das Sitzen erleichtern sollen.

Wir wandern seit ca. 2,5 Millionen Jahren, aus dem "Neogen" heraus, sind angekommen im "Anthropozän", in dem von uns Menschen gemachten Zeitalter. Wandern hat in unserer Geschichte eine sehr lange Tradition: Die Völkerwanderungen der vergangen Jahrmillionen, seien es die ersten "Geschäftsreisen" zwischen "Schwäbischer Alb" und den Höhlen im Süden Frankreichs. Pilgerfahrten im Namen einer Religion, Eroberungen im Rahmen der eigenen Ausbreitung, Feldzüge im Sinne des Machterhaltes.
Erkundungen im Namen der Wissenschaft, bis hin zu Wanderungen auf unserem Erdtrabant.

Wir wanderten und bewegten uns durch die Jahrtausende. Wir haben Pfade getrampelt, zuerst waren es Warenaus-tauschpfade, Schmugglerpfade, die zu Wegen wurden. Wir haben Pässe überquert, Berge bestiegen, haben aus purer Abenteuerlust Wege gesucht, nur um die höchsten Gipfel zu erreichen, wir haben Wüsten durchquert. Aus unseren Pfaden wurden Wege, Pisten, Furte, Stege, Übergänge, Brücken und Straßen. Aus den Straßen wurden Autobahnen und Fluglinien, mittlerweile kreuzen wir im Weltraum. Die Geschwindigkeit mit der wir uns ausbreiten wird immer schneller. Wir haben "Wege" erfunden, um unser Geld in Millisekunden um unseren Planeten zu jagen.

Einst gründeten sich "Wandervögel, “Naturfreunde”, "Albvereine", das Wandern diente zur "Walz", zur “Arbeitssuche”, und zur “Pirsch”, wurde zum “Handel”, zur “Gnadenlosen Flucht”, zum “Marsch", führte zum “Krieg”. Das Wandern wurde von der Politik vereinnahmt, letztendlich wurde es zur “Sinnsuche”. Wir wanderten während “Demonstrationen”, das ge-meinsame Wandern feierte “Revolutionen”. Wir ersannen das "Pilgern", das "Wallfahren", die "Wanderslust", das "Marschieren", die “Kreuzzüge” und die "Todesmärsche". Nur fünfzehn Jahre danach folgten die "Familienausflüge", die “Spritztour” das "Volkswandern", der "Trimm Dich Pfad", der "Dauerlauf", der “Marathon”. In jüngster Zeit das "Trekking", das "Nordic Walking", das "Speed Hiking" und das "Speed Climbing". Derzeit wird das Wandern wieder zur Kriegs-, Heimat- oder zur Klimaflucht.

Über Jahrtausende mussten Wanderer fürchten “überfallen” zu werden. Es gab “Räuber” und “Wegelagerer”, “Zöllner” und “Grenzer”. Zu überwinden galt es Wälder, Schluchten, Flüsse, Berge, Wüsten, dann Zäune, Fallen, Wälle, Mauern und Grenzen. Es gab Krankheiten und Seuchen die überstanden werden mussten. Königshäuser, Dynastien, Regierungen und Diktaturen die unser Fortkommen verhinderten. Gegenwärtig werden wieder mehr und mehr politische und reale Zäune aufgebaut.
 
Wir haben aber auch den "Müßiggang" erfunden, die “Landpartie”, den "Spaziergang", den Gang in komplentativer Ruhe, die “Erholung”, die "Kur". Bei diesen Wandererungen entstand wohl eine bestimmte Form der Kunst und Kultur, die "Romantik", die Begriffe "Heimat", “Natur- und Tierschutz”, der politische Begriff "Demokratie" wurde geprägt.

Während diesen Wegen entstand die “Diskussion”, das “Gespräch”, die “Kommunikation”, die “Debatte”, der verbale Austausch untereinander. Dieser Dialog hat uns menschlich, persönlich geprägt und politisch geformt. Von dieser Tradition ausgehend, möchte ich mit euch wandern, allein, zu zweit oder zu dritt. Ich will mit euch im Gehen reden, über das Gehen, gemeinsam den "Spaziergang" pflegen. Unterwegs würde ich euch gerne Fragen stellen, zum "Wandern" und zu euren Wegen.

Im Gehen nachdenken über "Angekommen sein", oder nicht, "Weitergehen" oder nicht, wo wir "Innehalten" konnten, oder nicht. Wo wir "Stehen geblieben" sind, uns "Umgedreht" haben oder zur "Rückkehr", zur "Umkehr" gezwungen wurden. Im Gehen nachdenken, wo wir auf "Unwegsames Gelände" gestoßen sind,  in welchen "Sackgassen" wir gelandet sind und was für "Umwege" wir benötigt haben, um wieder "Weitere Wege", für uns "Sinnvolle, neue Wege" zu finden. Dazu, was wir in unseren "Märschen" durch die Gegenwart und Vergangenheit tatsächlich erlebt und erreicht haben, was uns wichtig ist, was schlussendlich übrig bleibt, was bestehen bleibt und ist. Was bedeuten uns Wege überhaupt?

Ich biete eine "Tageswanderung", einen "Spaziergang" an, nur ca. 13 Kilometer weit, die Strecke soll mit allen die gleiche sein. Ein Weg durch unsere Alblandschaft, über den "Weißen Jura" hinweg. Es ist ein Weg, mit zwei kurzen Steigungen, den "Albtrauf" entlang. Letztendlich geht es mir um das gemeinschaftliche "Schreiten in der Natur". Vielleicht ent
stehen dadurch auch neue "Schritte", Konsequenzen und Wege. Wie oft ich diese Wanderung, diese Runde schon gegangen bin, allein oder mit mehreren, weiß ich nicht mehr, ich wiederhole sie gerne immer weder.

Termine: Ich wandere mit euch fast jeden Samstag und Sonntag, ab Mai 2019 bis Ende April 2020, nach Absprache.

Nachsatz: Es herrscht, nach wie vor, Krieg und Flucht. Ich lese von Ethnischen Säuberungen, ich lese von Räumungen, Vertreibungen, Aussiedlungen, von Deportationen und Exil. Ich lese von Umstürzen, vom Entkommen und vom Abschied. Ich lese auch vom Ankommen Vertriebener in einer neuen Heimat. Auch dies sind "Wanderungen", große und weite persönlich entschiedene Wanderungen, “Lebenswege” über Kontinente hinweg. Ich hatte das Glück immer freiwillig wandern zu können, ich wurde noch nie vertrieben, dazu getrieben oder gezwungen.

Eine Tageswanderung

“Wanderungskultur”

002 Wanderung
009 Otto Laichinger

Otto Reiniger (1863 bis 1909) . Herbstliche Landschaft . Öl auf Leinwand . 23 x 31 cm . 1893

Wir zeigten unsere Bilder (remix IV) 7293 Tage . Mit Sylvia Mehlbeer . 1999 bis Februar 2019

Bild 05 Wir zeigten uns unsere Bilder 02 2019

Fotografie: Markus Simon . 16.02.2019

Am 16.02.2019, zeigen wir auf der Gemarkung 10/1-Haier unsere Bilder. Wir wiederholen die Aktion zum vierten Mal, die erste Aktion fand am 28.02.1999 statt. Seitdem sind 7293 Tage vergangen, die Landschaft hat sich kaum verändert. Ein paar Bäume wurden gefällt, neue gepflanzt, manche sind inzwischen gebrochen, die Gegend ist noch immer kein Bau-gebiet. Wir hatten Publikum, fünf Personen waren zugegen. So wurde aus der ursprünglichen Aktion: "Wir zeigten uns unsere Bilder", die Aktion: "Wir zeigten unsere Bilder". Spaziergänger waren kaum zu sehen, kein Hundegebell war zu hören. Strahlendes Wetter, für die Jahreszeit zu warm. Erste noch kaum sichtbare Knospen, die "Blaue Wand", die Alb gut sichtbar am Horizont.

Wir danken Diane Sofka, Norbert Fischer, Christine Sikora, Konstantin Bressmer und Bruno Nagel für Ihre Darstellung von fünf Personen. Markus Simon für die Neuformatierung der Perspektive und der Realisation der Fotografie.

Fotografien / Aktionen 1999 bis 2019

Texte / Aktionen 1999 bis 2019

Wahrscheinlichkeit / Unwahrscheinlichkeit . Konzept und Realisation mit Norbert Fischer . Oktober 2018

Wahrscheinlichkeit Bild 01
Wahrscheinlichkeit Bild 02

Von der Wahrscheinlichkeit und der Wirklichkeit aufeinander zu treffen.

Seit nahezu 25 Jahren wohnen wir gemeinsam im Wohngebiet "Gemarkung 10/1 Haier", lediglich zwei Straßenzüge aus-einander, Luftlinie ca. 500 Meter. Wir sind beide über diesen langen Zeitraum "werktätig", wir verlassen unsere Wohnorte ungefähr zur selben Zeit und kehren ungefähr zur gleichen Zeit, zum "Feierabend" wieder in diese zurück. Die Wahr-scheinlichkeit sich zu treffen, ist also sehr hoch, wir könnten uns theoretisch zweimal pro Tag begegnen! Ich fahre jeden Arbeitstag an der Buchenstrasse 30 vorbei, Norbert Fischer, quert jeden Arbeitstag zu Fuß meine Wohnung in der Opelstr. 51. Die Wahrscheinlichkeit sich in 25 Jahren zu treffen, könnte also dadurch noch höher sein!

Bei einer angenommenen Wahrscheinlichkeit, wir könnten uns in 220 Arbeitstagen, täglich zweimal treffen, lehrt uns die Realität, dass dies nicht der Fall ist. Aufgrund dieser Annahme, dass wir uns in 220 Arbeitstagen zumindest einmal täglich treffen könnten, zeigt uns die Realität, dass auch dies nicht der Fall ist.

Von dieser ausgehend, hätten wir uns mindestens 110mal per Jahr treffen können, wenn man eine Wahrscheinlichkeit von 50 % voraussetzt und auch die kurze Distanz berücksichtigt. Das heißt: In 25 Arbeitsjahren hätten wir uns 2530 mal begegnen können. Wochenende und Feiertage sind in dieser Berechnung natürlich nicht kalkuliert. Es zeigte sich allerdings, dass auch dies nicht der Fall ist.
   
Die Realität ist, dass wir in diesem langen, 25 jährigen Zeitraum lediglich ca. 20 Mal und absolut zufällig, in unserem Wohngebiet aufeinander getroffen sind. Das ist verblüffend, da die Wahrscheinlichkeit eigentlich eine andere sein sollte. An einige Begegnungen erinnere ich mich gut, manche sind in Vergessenheit geraten.

Über 25 Jahre, das sind 9125 Tage, fanden unsere zufälligen Treffen also nur alle 456,25 Tage statt! Die Wahrscheinlich-keit sich zu treffen, ist tatsächlich also sehr gering, sie wird von der Wirklichkeit absolut übertroffen, sich nicht zu treffen!

Um diese Un-Wahrscheinlichkeiten zu erleben, bestimmten wir gemeinsam ein Territorium, in dem wir uns bewegen wollten. Wir beschränkten uns auf ca. 20 Straßen unseres Wohngebietes “Gemarkung 10/1 Haier”. Es schien uns unwahr-scheinlich, dass wir uns in diesem Umkreis nicht treffen!

Am 30.09.2018, es ist ein arbeitsfreier Tag, ein Sonntag, verlassen wir um 07.30 Uhr unsere Wohnungen, es ist sonniges Wetter, jeder bewegt sich frei innerhalb dieses Gebietes. Die einzige Vorgabe ist, unsere Wege zu dokumentieren und nach 2,5 Stunden, um 10.00 Uhr zu unseren Ausgangspunkten zurückzukehren. Unsere Wege durch ein typisch deutsches Wohngebiet, sind zwei kurze Abschnitte unseres Lebens, die wir zur gleichen Zeit begehen, die sich ähneln und die wir unabhängig voneinander erleben.

Tatsächlich trafen wir uns an diesem Sonntag einmal, es war ein Tag des nicht enden wollenden Sommers des Jahres 2018. Die Begegnung, die einzige Begegnung fand um 08.32 Uhr, vor einer uns beiden prägenden Wegmarke, dem Wasserturm statt. Wir gaben uns die Hände, begrüßten uns kurz und gingen wieder auseinander, jeder in seine Richtung, auf seinem eigenen, weiteren Weg. Da wir uns in diesen 2,5 Stunden "Wanderung" nur einmal begegneten, entspricht dieser Zufall unseren Begegnungen der letzten 25 Jahre, die nur alle 456,25 Tage stattfanden. Die Wahrscheinlichkeit ohne vorherige Absprache, uns wieder zu begegnen bleibt weiterhin sehr gering.

Wie hoch diese ist, uns in den kommenden Jahren ohne Absprache zu treffen, wissen wir nicht, wir können diese nur erahnen. Möglicherweise treffen wir uns erst im Jahr 2020, oder im Jahr 2023, oder nie wieder, oder jeden Tag, aber auch das ist sehr unwahrscheinlich. Die angenommene Wahrscheinlichkeit, wurde uns zur Unwahrscheinlichkeit und diese zur absoluten Realität.

Fotografien I

Fotografien II

Skizzen

Wahrscheinlichkeit Bild 03

Gustave Courbet (1819 bis 1877) . Die Begegnung (oder: Bonjour, Monsieur Courbet) . Öl auf Lw. . 129 x 149 cm . 1854 . Montpellier, Musée Fabre

Wahrscheinlichkeit Bild 04

(Definierte) Landschaft . Was ist Landschaft? . Mit Arne Schneider . September 2018

Landschaft def. (1)
Landschaft def. (4)

Karl Buchholz (1849 bis 1889) . Vorfrühling im Webicht bei Weimar . Öl auf Lw. . 51,5 x 75,5 cm . 1876 . Im Besitz der Hamburger Kunsthalle

Was ist Landschaft? Ein Weg, eine Gegend, ein Garten? Oder ist Landschaft gleichbedeutend mit "Heimat" und damit ein vages Gefühl? Ist "Heimat" die Landschaft die uns umgibt, oder ist "Heimat" die Landschaft in der wir uns sozialisierten? Hat der Begriff "Heimat" überhaupt mit Landschaft zu tun? Ist Heimat ein Dilemma des zu späten Ankommens, des Scheiterns oder wurde sie manchen zur nie erreichten Fluchtmöglichkeit, zur Falle? Ist Heimat, Landschaft, die heimatliche Landschaft ein Bild, eine Erinnerung, eine Fiktion die wir in uns tragen?

Ist Landschaft eine Vorstellung, ein Konstrukt, eine Erklärung, wird sie uns damit zur persönlichen Geschichte? Ist "Die Landschaft" eine romantische Anschauungsweise? Eine Allegorie? Ist Landschaft eine Zustandsbeschreibung von etwas, die wir zum einen idealisieren, zum anderen aber nicht mehr in der Lage sind, sie als solche wahrzunehmen, sie uns zur Abstraktion, zur Unbekannten wird?

Ist "Landschaft" lediglich eine Klassifikation in der Kunstgeschichte? Wie oft wurde die ursprüngliche Landschaft zu einem Park umgestaltet? Ist Landschaft ein Gedicht, oder ein Kunstwerk, die Melodie in einem Musikstück? Ist "Die Landschaft" in alten Fotografien begründet und vermittelt uns ein Gefühl einer "längst vergangenen guten Zeit”? Oder vermitteln uns alte Landschaftsfotografien das Grauen zweier Kriege, die teilweise schon in Farbe "geschossen" wurden?

Empfinden wir noch die “Ruhe der Landschaft”, wenn wir in ihr "wandeln" oder zerstückeln wir sie mittlerweile in die Tak-tungen unserer permanenten Erreichbarkeit? Ist Landschaft noch anolog, oder haben wir sie zu einer digitalen Zahlenfolge degradiert? Empfinden wir Landschaft nur noch fragmentarisch und was bedeuten uns alte Landschaftsmalereien, Unikate, Abbildungen in Öl, die nur langsam “hergestellt” werden konnten und viel Zeit und Ausdauer in Anspruch nahmen?

Bietet uns die Landschaft noch das ruhige “Spazieren” durch die Natur, ist sie noch das viel zitierte "Sehnsuchtsgebiet? Kann die Landschaft uns weiterhin das Glück des "Aufatmens" bieten? Suchen wir nach Beständigkeit in ihr, nach dem Antlitz eines spiegelnden Gebirges in einem See? Versenden wir eine Postkarte von diesem Anblick, oder ist sie uns zu einem Binärcode geworden, den wir in den "Sozialen Medien" "posten", um schnell zu zeigen wo wir waren? Finden wir die Gegenwartslandschaft nur noch in Hochglanzmagazinen, als Exklusivprodukt stilisiert und romantisch verklärt, ist sie also Kosmetik? Ist Landschaft ein Gedicht oder ein Biotop, oder ein Bericht über das Biotop und das Gedicht?

Verstehen wir Landschaft noch als Gefahr, ist uns Landschaft noch ein Abenteuer? Ist die Landschaft ein Organismus, der in seiner Vielfältigkeit schon lange nicht mehr existiert? Ist der Begriff "Landschaft" eine Idealisierung der Natur, ist Land-schaft eine Wahrnehmung oder lediglich ein Begriff? Ist uns die Landschaft ein Park oder unberührtes Gelände? Ist die Landschaft ein Gemälde, oder ist sie uns zum Hintergrund, zur Staffage eines Produktes entglitten? Stört uns ein "Land-schaftsschutzgebiet" in unserer "Dynamik", in unserer wirtschaftlichen Entwicklung? Ist uns die Landschaft also lediglich Strapaze, die bearbeitet, die geordnet und planiert werden muss? Ist sie nicht längst zu einem "Wirtschaftweg", zu einem "Wirtschaftszweig", zur “Agrarwüste”, zu einem Parkplatz vor einem "Supermarkt" degeneriert?

Was empfinden wir bei Nebel und Regen, bei Hitze und Wind, nehmen wir Landschaftszustände überhaupt noch wahr? Oder werden uns diese bereits zu einer Ausnahmesituation? Wann haben wir uns zuletzt einer Nachtwanderung aus-gesetzt? Sind wir richtig gekleidet in der Landschaft, gehen wir aus oder gehen wir hinein in die Landschaft? Gehen wir noch auf die Landschaft ein, nehmen wir uns Zeit für sie, mit all ihren Ausblicken, Störungen und unseren Vorstellungen einer idealisierten Natur? Letztendlich gehen wir aus dieser hervor! Oder ist sie uns schon längst museal geworden? Was ist Landschaft und welcher ist der richtige Weg durch sie hindurch? Wie viel Landschaft haben wir noch zur Verfügung und wie viel Restlandschaft, tragen wir noch in uns?

Ich reduziere auf meinem Weg, die Landschaft auf Definitionen, die ich Wörterbüchern entnehme und diese in Form von Schildern in der Landschaft hinterlasse. Ich lasse damit all diese oben gestellten Fragen offen und belasse es bei dem Versuch, der Landschaft in all ihrer Komplexität nahezutreten. Ich entziehe der Landschaft all ihre mögliche Romantik, Symbolik und Dramatik. Ich stelle nur fest, dass sie als solche existiert, noch funktioniert, betrachtet und analysiert werden kann. Ich verzichte auf Erklärungen und dezimiere sie auf ihren eigenen Begriff, den der "Landschaft". Ich suche nach ihrer weiteren Funktion, nach anderen möglichen Farben und Formen. Diese Suche ist in all ihrer Subjektivität und Beant-wortung mehr als fraglich. Was ist Landschaft und was kann uns “Die Landschaft” noch erzählen?

Ich wandere mit Arne Schneider 100 km durch die Pfalz, durch eine Landschaft, die mir fast eine zu liebliche war und die über die Jahrhunderte zu der einen oder anderen Parklandschaft oder Parkplatzlandschaft umgestaltet wurde.

Fotografien / Schilder

Fotografien / Standorte

Definitionen

Landschaft def. (2)
Landschaft def. (3)

Pralle Sonne ("Anthropozän") . Mit Bruno Nagel . September 2018

Ries 05
Ries 01

Der Durchmesser des "Nördlinger Rieses" beträgt ca. 24 km, multipliziert mit Pi, ergibt der Umfang somit ca. 75,36 km. Diese Strecke wollten wir erwandern, immer am Kraterrand entlang. Es gab keinen geradlinigen Wanderweg, wir liefen kreuz und quer, durch Äcker, wir bewegten uns in lang gezogenen Winkeln und Kreisen, suchten Wege, hangelten uns an dem fast kreisrunden Umfang entlang und realisierten, dass die 75 km, zu 100 km werden könnten und in der uns zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich waren. So wurde uns die Strecke zu einer Wanderung über vier Tage in Fragmenten, die uns aber einen Eindruck über die Auswirkungen des "Impacts" oder über das "Ries-Ereignisses" gaben. Die "pralle Sonne" auf unserem fast schattenlosen Weg erschien uns gnadenlos.

Vor 14,4 Millionen Jahren stürzte in diesen Graden ein Asteroid auf unser Gebiet, die Auswirkungen waren verheerend. Ich hinterlasse auf unserem Weg 21 Tafeln, die an unsere Erdzeitalter erinnern. Die erste Tafel bezeichnet das "Hadaikum", das ca. 4,6 Milliarden Jahre vor uns liegt, in der das Erstarren unseres Planeten stattfand, die letzte Tafel das "Anthropozän", beschreibt unsere, durch uns Menschen veränderte Geologie des Planeten. Dieses durch die Wissenschaft noch nicht anerkannte Erdzeitalter, hinterlasse ich als letzte Tafel zum Abschluss unserer Wanderung, in der Wohnung, zwischen seinen Bildern, meines Mitwanderers Bruno Nagel. Einen endgültigen Platz für das "Anthropozän" will er selbst finden. Wir waren endlich im Schatten, die “pralle Sonne” verlor sich draußen, hinter geschlossenen Fensterläden.

Der "Ries-Impact" durchdrang im "Kanozoikum", während der Systeme "Neogen" und "Paläogen", die Schichten des "Pliozän" und "Miozän", er vermischte die Ablagerungen des "Oligozäns" und des "Eeozäns", vielleicht schürfte er auch noch am "Paläozän". Immerhin drang er bis zu viertausend Meter in die Erdschichtungen ein und erhob seine Reste fünfzig Kilometer in die Stratosphäre. Der gewaltige Einschlag dürfte also einige alte Schichten aus diesen Zeitaltern grundsätzlich durcheinander gebracht und neu aufgeschichtet haben. Eine Wanderung wäre während dieses Ereignisses und Umständen undenkbar gewesen. Ob der Impact während "praller Sonne" oder während eines Tiefdruckgebietes stattfand, wissen wir nicht.

Wissenschaftlich gesehen, lebt die Menschheit derzeit im "Kanozoikum", im System "Quartär", in der Serie "Holozän". Tatsächlich sind wir längst im "Anthropozän" angekommen, ob wir wollen oder nicht. Der Einschlag des Asteroiden, der Impact vermochte es, uns die Erdzeitalter, die Gesteine, die so nur im "Ries" zu finden sind, in all ihren Farben, in all ihrer Pracht, mitten in der "prallen Sonne", vor uns auszubreiten. 

Ich danke Bruno, dass wir dieses Stück "Anthropozän", unter der "prallen Sonne", gemeinsam gegangen sind..

Fotografien / Standorte

Fotografien

Ereignis

Ries 03
Ries 02

HAP (Skizze einer Wanderung oder Fragment einer Geschichte) Wanderung X . Juni 2018

HAP Bild 01

Prolog: In einem Klassenraum der ausgehenden "Siebziger" sitzend, fixierte ich über Jahre eine Grafik, gerahmt von einem dürren braunen Rahmen. Es war ein "Friedensengel" und gleichzeitig ein "Totentanz", der Strich, die Gestik war fulminant. Es war ein Holzschnitt von HAP.

HAP steht für Helmut Andreas Paul, HAP Grieshaber ist am 12. Mai 1981 verstorben. Er war ein grandioser Holzschneider, Zeichner, Grafiker, vor allem, politischer Künstler und unermüdlicher Mahner!

Die Geschichte beginnt mit einer Exkursion BNs, die er ein Jahr zuvor unternommen hatte und über die er mir berichtete. BN steht für Bruno Nagel.

Im zeitigen Frühjahr stellen wir sie nach, denn nur so wird uns eine gemeinsame Geschichte daraus. Wir sind zu dritt. Es ist der planlose Versuch einer Wanderung, das Fragment einer Geschichte. Wir wandern oberhalb von Eningen und unterhalb der "Achalm", als wir HAPs Grundstück suchen. Unsere Wege verlaufen verquer.

Zufällig finde ich bei den Überresten von HAPs Gehäusen, die bis heute verwahrlost stehen, in einem Beet am Rande, eine graue Kalkschale, eine Miesmuschelschale. Seitdem stelle ich mir vor, wie diese Hülle eines Meerestieres dorthin geraten ist. Wie sie dort gestrandet sein könnte, in den Streuobstwiesen unter der "Achalm", zwischen den hohen fast schon blühenden Süßgräsern, die wie Wellen im Wind wogen, vielleicht gerade deshalb.

BN findet vor einem Jahr, in einer Ecke eines Raumes, auf dem Boden dieser noch offen zugänglichen, von HAP über Jahrzehnte immer weiter zusammen gezimmerten Buden, drei eingerollte, zerkratzte Foto-Negative, die dort seit wohl über dreißig Jahren im Staub liegen. Er entscheidet sich, diese entwickeln zu lassen. Die Ergebnisse verblüffen uns, ist doch auf ihnen eine männliche Person zu sehen, die in einer schwäbischen Heidelandschaft spazieren geht. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dieser fotografierten Person um HAP handelt. Dies wäre auch ein möglicher Teil der Geschichte, oder die Skizze zu einer Geschichte, die noch erwandert werden muss.

Wir spielen mit dem Gedanken, dass die Fotografien von Margarete Hannsmann stammen könnten. Auch dies wäre ein möglicher, ein weiterer Teil einer Geschichte. Von 1967, bis zum Tode von HAP, 1981, waren HAP und MH Lebens-gefährten. Ihre intensive Beziehung spiegelt sich in ihrem Buch "Pfauenschrei, die Jahre mit HAP Grieshaber" wieder.

Ich lasse auf HAPs ehemaligem Grundstück eine versteinerte Juramuschel zurück, die ich in einer meiner Taschen trage, zum Tausch für die Miesmuschel. Vor Monaten habe ich sie der Albhochfläche entnommen. Somit wird auch sie zu einem Teil der Geschichte. Ein “Ebenbild”, ist auf einer der folgenden Fotografien abgebildet.

Dieses Fragment einer Wanderung und einer möglichen Geschichte soll an die Arbeit von HAP erinnern.

BN schreibt eine Postkarte, versehen mit unseren Grüßen, die HAP, 37 Jahre nach seinem Tod, nicht mehr erreichen wird. Diese von BN hinterlassene Botschaft ist wieder eine andere Geschichte.

Ich wandere mit SM und BN, SM steht für Sylvia Mehlbeer, von der “Achalm” zurück, in Richtung “Hohenstaufen”. Zwei An-hebungen der Alb, die eine ähnliche Kontur aufweisen und aus der Entfernung eine gleichsam lineare Horizontlinie ergeben.

Fotografien / Negative

Fotografien

Fotografien

HAP Bild 02
HAP Bild 03

Leitung 0303 Donau-Ost (Sechs Biegungen) . April 2018

Strom-Leitung 01

"Knollenmergel" klebt an meinen Stiefeln und lässt mich das Gewicht der vergangenen zwei Tiefs spüren, die über die Landschaft hinweg zogen. Ich hinterlasse eine matschige Spur, ich gehe querfeldein und trage schwer an diesem Lehm. Von der Landstraße L1236 zur Landstraße L1214 wandere ich vom Landkreis Göppingen zum Landkreis Esslingen. Auf meinem Weg, überquere ich die Landstraßen L1200 und L1213, ich beginne bei der Gemarkung Westerheim auf der Albhochfläche.

Meine Wanderung folgt nicht den Pfaden, den vertrauten Wegen der vergangenen Jahrhunderte, ich folge nicht den ausgewiesenen Wanderwegen. Ich nehme eine Abkürzung und verzeichne auf meinem fast fünfundzwanzig Kilometer langen Weg lediglich sechs sanfte Biegungen, die lang gezogenen Autobahnkurven gleichen, die Strecken dazwischen verlaufen in absoluten Geraden. Ich wandere unter einer Hochspannungsleitung.

Das Summen des Stroms begleitet mich beständig, er wird zu einem Knistern, je nachdem wie nah ich mich unter der durchhängenden Leitung befinde. Diese Überlandleitung wird mit 360 kV, mit 360 000 Volt genährt, sie kommt von der Donau und wird den Neckar überqueren. Über viele Kilometer bin ich mir nicht sicher, ob diese Stromspannung, dieser Impuls, diese Frequenzen, das Schlagen meines Herzens, meinen Puls stört und der Rhythmus der Ampere meinen Organismus beeinträchtigt. Ich spüre ein sanftes Unbehagen und eine stete Unsicherheit in mir.

So schonend die langen Kurven auf der Albhochfläche sind, so ungnädig sind die Abstiege und ein Aufstieg unter dieser "Leitung", die am Albtrauf in Falllinien verlaufen. Diese Gefälle erwandere ich schlitternd und rutschend, der gesamte Jura scheint mich zu treiben, das ehemalige Meer offenbart mir seinen rutschigen Untergrund.

Ich winde mich über monotone Äcker, durchquere Hecken, bücke mich durch Sträucher, rieche den Holunder schon in dieser noch kühlen Jahreszeit, spüre die Schlehen, sie durchstoßen mit ihren Stacheln meine Haut, ich quere auf meinem Weg die junge "Fils". Während der nächsten Falllinie, hoch zum "Bläsiberg", atme ich schwer und ziehe mich an Stämmen und Ästen klammernd eine extreme Steigung empor. Zum "Boßler" hin, entlang der geraden Linie begegnet mir frischer Ostwind, ich biege ab nach unten. In einem Tal angekommen, durchstreife ich herrliche Streuobstwiesen. Die Knospen der Bäume, stehen kurz vor ihrer Blüte, es ist warm geworden, ein Hoch soll kommen.

Bewusst meide ich Umgehungen, ich wandere quer hindurch, durch gewachsen gelassene und organisierte Landschaft, der Linie entlang, der Geometrie der "Leitung 0303 Donau-Ost” entsprechend folgend. Diese Landschaft, auch unsere gegenwärtige Ökonomielandschaft leistet mir noch genügend Widerstand. Nur vereinzelt treffe ich auf Menschen und Tiere, dafür auf “Wirtschaftswege” und “flurbereinigte” Gebiete.

Nach ca. sieben Stunden Gehzeit erreiche ich die Landstraße L1214 bei Weilheim. Ich strande an einer Tankstelle. Die "Leitung" geht weiter Richtung Norden, sie verliert sich im grauen Horizont der Industrie-Gebiete entlang der Autobahn 8.

Fotografien

Längenmeter / Höhenmeter

Strom-Leitung 05

Karte 20 des Schwäbischen Albvereins, Geislingen / Blaubeuren, 1:35000 . Herausgeber: LA für Geoinformation und Landentwicklung BW (LGL)

Strom-Leitung 02

Schwarzer Jura / Weißer Jura / Schwarzer Jura . März 2018

Pliensbachium 02
Pliensbachium 01

In einem hoch gelegenen Wald suche ich die Quelle des “Pliensbaches”. Von ihr ausgehend, wandere ich entlang des Gewässers bis hin zu seiner Mündung. Meine Wanderung beginnt um 13.17 Uhr und endet um 16.48 Uhr an jener Stelle, wo sein Lauf von einem anderen Bach aufgenommen wird. Ich habe eine tiefere Jura-Ebene, das Albvorland erreicht. Es ist der 24. März, ein warmer Tag, an dem der Winter vom Frühjahr übernommen wird.

Ich gehe mit den Rändern des Baches und nehme auf meinem Weg all seine Kurven und Ausbuchtungen, seine Versuche wahr, sich in die Erdgeschichte einzugraben. Teils muss ich mich dichtem Gebüsch widersetzen und quere den Bachlauf mehrmals. Für seine Wegstrecke benötige ich 211 Minuten. In dieser relativ kurzen Zeit durchwandere ich ein ganzes erdgeschichtliches Zeitalter, das "Pliensbachium", das einen Zeitraum von vor 190 bis etwa 182 Millionen Jahren besch-reibt und das nach diesem unscheinbaren Bach benannt wird.

Ich hinterlasse einen Stein im "Pliensbachium", im Pliensbach, einen Kalkstein, den ich auf der Albhochfläche, von der obersten, der jüngsten Bodenschicht des ehemaligen "Jura-Meeres" entnahm. So wird das Bruchstück aus dem "Weißen Jura" wieder zu einem Bestandteil dessen, was es erdgeschichtlich schon weit früher war, zu einer denkbaren, fiktiven Schicht im "Schwarzen Jura", zu einer weißen Störung im schwarzen Gefüge.

Ich stelle mir vor, der "Schwarze Jura" wäre nicht die unterste, sondern die oberste Schicht, so wäre der Albboden nicht von weißem Kalk, dem "Weißen Jura", sondern von versteinertem Schlamm, dem "Schwarzen Jura" bedeckt. Dies ergäbe einen vollkommen anderen Weg durch unsere Erdgeschichte.

Fotografien / Standort

“Pliensbachium”

“Stratigraphische Tabelle 2016”

Pliensbachium 04
Pliensbachium 03

“The Biostratigraphy of the Lower Pliensbachium at the Type Locality (Pliensbach, Würrtemberg, SW-Germany)” . Rudolf Schlatter . Herausgeber: Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, “Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde”, Serie B, Nr. 27, Seite 8, 20.06.1977

Wir zeigten unsere Bilder (remix III / Neuauflage III) 6951 Tage . Mit Sylvia Mehlbeer . 1999 bis März 2018

Bild 04 Wir zeigten uns unsere Bilder 03 2018

Fotografie: Markus Simon . 11.03.2018

Am 11.03.2018, zeigen wir auf der Gemarkung 10/1-Haier unsere Bilder. Wir wiederholen die Aktion zum dritten Mal, die erste Aktion fand am 28.02.1999 statt. Seitdem sind 6951 Tage vergangen, die Landschaft hat sich kaum verändert. Ein paar Bäume wurden gefällt, neue gepflanzt, die Gegend ist noch immer kein Baugebiet. Wir hatten Publikum, zwei Per-sonen waren zugegen. So wurde aus der ursprünglichen Aktion: "Wir zeigten uns unsere Bilder", die Aktion: "Wir zeigten unsere Bilder". Spaziergänger waren kaum zu sehen, kein Hundegebell war zu hören. Wolkenreiches, graues, warmes Wetter. Erste noch kaum sichtbare Knospen an den Schlehen, Märzenbecher aufblühend schon in einem anderen Tal.

Ich danke Diane Sofka und Norbert Fischer für Ihre Darstellung zweier Personen und Markus Simon für die Neuformatier-ung der Perspektive und der Realisation der Fotografie.

Fotografien / Aktionen 1999, 2014, 2017, 2018

Texte / Aktionen 1999, 2014, 2017, 2018

Aktionen, Handlungen, Wanderungen, Skizzen und Fragmente .1998 bis 2018

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