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Bildbewachung / Berühren verboten!

2002 . Konzept: Andreas Bressmer und Norbert Fischer

Bildbewachung 01

Die Aktion „Bildbewachung“ entstand als Reaktion eines Besuchs einer “Neo Rauch-Ausstellung“ in der “Deutschen Guggenheim” in Berlin.
 
Die Bilder wurden schwer bewacht. In jedem Ausstellungsraum befanden sich mindestens drei Personen des Aufsichts-personals. In ihrer dunklen Kleidung und ihrem Aussehen erinnerte das Auftreten dieser Armee an “Schwarze Sheriffs." Die permanente Präsenz dieser Personen hatte eine einschüchternde Wirkung zur Folge, der Wahrnehmung der Kunst war dies nicht sonderlich zuträglich. Alle Bilder stammten aus der Sammlung der Deutschen Bank.

Plötzlich löste sich ein kleines Mädchen, höchstens vier, fünf Jahre alt, von den schützenden Händen ihrer Eltern, rannte voller Begeisterung und Leidenschaft, auf einen “Neo Rauch” zu, wohl in der vollsten Absicht, den unteren Teil eines Bildes, eine Landschaft, die sich in ihrer exakten Augenhöhe befand, nicht nur mit ihren Augen zu betrachten. Das Ereignis nahm einen “blitzschnellen”, aber auch einen, von extremsten Kontrollverlust des Sicherheitspersonals geprägten Verlauf.

Die folgende Szenerie schien einem Thriller entnommen zu sein: Der Lauf des Kindes wurde von den Sicherheitskräften jäh unterbrochen, welches von allen Seiten auf es zustürmte. Es wurde an der Hüfte gepackt und nach oben hin weggerissen. Die Beine des jungen Mädchens erreichten eine Flughöhe weit über dem Kopf der handelnden Person. Hilflos zappelnd wurde es oben gehalten. Während das Kind wieder zu Boden kam, rannten weitere Personen des Sicherheitspersonals in den Raum, alle schwarz uniformiert, den offensichtlichen Tatbestand, das kleine Mädchen, umringend und dieses von eventuellen weiteren, in ihren Augen zu erwartenden, Handlungen abzuhalten. Dass keine Waffe gezogen und dem Kind an die Schläfe gehalten wurde, hat mich ob dieser Szenerie fast schon überrascht.

Die kurze, absolute Stille im Raum, dieser Moment, kurz bevor das zunächst sirenenhafte Geschrei, dann das kümmerlich schluchzende Weinen des Mädchens einsetzte, dieser Bruchteil einer Sekunde, ließ die sich im Raum befindlichen Personen in Schockstarre verharren. Alle Beteiligten waren aufgrund dieses Ereignisses wie gelähmt und konsterniert.

Die Reaktion der Eltern zu beschreiben erspare ich mir, ob es rechtliche Konsequenzen gab, ob das Sicherheitspersonal Reue empfand, im Bewusstsein, völlig überreagiert zu haben, vermag ich nicht zu wissen. Sollte das Mädchen das Glück gehabt haben, keine psychologische Behandlung zu benötigen, weil es tröstende und einfühlsame Eltern hatte, wäre dies für die Kunst natürlich von großem Vorteil. Ich hingegen gehe davon aus, dass dieses Mädchen in seinem Leben nie mehr eine Kunstausstellung betreten wird. Ein solches Ereignis ist natürlich für „die Kunst“ von allergrößtem Nachteil.

Bildbewachung 02
Bildbewachung 03

Blattgold auf Leinwand . 200 x 140 cm . 2002

Bildbewachung oder Berühren verboten!

Zwei bezahlte Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes haben die Aufgabe, ein Bild von 200 x 140 cm Größe acht Stunden lang zu bewachen. Vor dem “Bild” steht in gebührendem Abstand eine Absperrung, bestehend aus den allzu bekannten Messingsäulen mit roter Samtkordel, versinnbildlicht sie doch wie der rote Teppich größtmögliche Achtung und Neugier. Das Szenario zeigt sich staatstragend. Zwei Lorbeerbäume und Marmor wären obligatorisch.

Die ganze Szenerie spielt sich im öffentlichen Raum ab, könnte aber auch in einem geschützten Raum, in einem Museum stattfinden.

Das Bildmotiv besteht aus Blattgold, dieses soll in seiner Aussage den Wert oder auch scheinbaren Wert von Kunst charakterisieren, treibt doch die Preispolitik innerhalb des “Betriebssystems Kunst” oftmals die „seltsamsten Blüten“. Der „Mythos Gold“ dargestellt als sichtbare käufliche Ware, in Form dieser monumentalen, für Zuschauer, greifbar nahen Fläche, die unter Umständen durch Sonneneinstrahlung intensiv zum Leuchten gebracht werden kann, erregt die Gemüter wohl auch noch in gegenwärtiger Zeit, immer noch nachhaltig. Aktien und andere Geldwerte scheinen das Gold von seiner Wirkung noch nicht erlöst zu haben. Kunstwerte hingegen schon. Dieses scheinbar wertvolle Bild wird mit großem Aufwand bewacht.

Durch das Zusammenspiel von Gold, Kunst und Bewachung soll ein künstlicher Wert erschaffen werden, der nicht existiert. Ihre mögliche Lust das Bild zu berühren, wird strengstens untersagt und durch die Präsenz des Wachpersonals verhindert. Vielleicht werden Sie durch das Verbot aber auch geradezu angeregt, bzw. gereizt, das “Objekt der Begierde” unbedingt berühren zu wollen. Dadurch, dass das bekannte Schema des Betrachtens und Bewachens, dadurch, dass diese Gewohnheit vom geschützten Museumsraum in den nun auch geschützten Außenraum transportiert wird, können Sie die Kunst natürlich als besonders wertlos, oder auch als besonders wertvoll erachten.

Ein Versuch über die Wertvorstellungen des Kunstmarktes und des Publikums.

Bildbewachung 04
Bildbewachung 05

Fotografien: Giacinto Carlucci

Bildbewachung

Als Marcel Duchamp im April 1917 unter dem Pseudonym R. Mutt Fountain zur Ausstellung der Gesellschaft Unabhängiger Künstler in New York einreichte, demonstrierte er, dass die bewusste Wahl, die Auszeichnung durch Signatur und Datierung, die Platzierung auf einem Sockel einen handelsüblichen Gebrauchsgegenstand zu einem besonderen macht. Die Arbeit wurde von der damaligen Jury für ausstellungswürdig gehalten, aber so platziert, dass sie nicht gesehen werden konnte. Wer sie dennoch entdeckte, konnte erkennen, dass ein Urinoir nicht wie üblich an der Wand angebracht, um Flüssigkeit aufzunehmen, sondern auf den Rücken gelegt worden war, um Wasser speien zu können. Es wurde nicht umgestaltet oder verfremdet, war erkennbarer alltäglicher Gegenstand, dem allein durch die Verkehrung seine übliche Gebrauchsfunktion genommen worden war, um eine andere, bislang nicht mit ihm in Verbindung gebrachte Bedeutung und Funktion aufzudecken. Augenscheinlich und einleuchtend war ein Urinoir zu einem Springbrunnen umgewidmet worden. Erstaunlich war es auch, zu erkennen, dass durch den Einzug in eine Kunstausstellung, durch den Wechsel der Kontexte, ein Gegenstand alltäglichen Ursprungs, ein Ready-made, zum Exponat wird und damit auf andere Weise wahrgenommen, seine Beachtung ganz anderen Kriterien als den alltäglichen unterworfen wird.

Andreas Bressmer und Norbert Fischer verkehren diesen Wechsel der Kontexte, indem sie ein Werk im alltäglichen Umfeld eines Marktplatzes präsentieren. Das großformatige Bild stellt weder dar noch vor, präsentiert und repräsentiert nichts. Es ist, was es ist. Seine Bildfläche ist deckend mit Blattgold überzogen. In seinem Glanz zeigt sich ein koordinatenloser, ungreifbarer, gleichsam himmlischer Raum, wie wir ihn seit der mittelalterlichen Ikonen- und Tafelmalerei kennen. Gold ist hier entmaterialisierter Schein, hat immer aber auch materiellen Wert.

Um das während acht Stunden auf einem öffentlich zugänglichen Platz ausgestellte Bild vor Zugriffen zu schützen, hält eine Absperrung, eine zwischen zwei Messingständern gehängte rote Samtkordel, die Beschauer in gebührendem Abstand zum Werk, das zudem noch von zwei Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes flankiert wird.

Wir nähern uns deshalb dem Exponat mit Bedacht und einer gehörigen Portion Ehrfurcht, und sind schließlich doch bei seiner Wahr-Nehmung und Wert-Schätzung zutiefst irritiert. Die durch Marcel Duchamp ermöglichte Erfahrung erweist, dass es lohnt, auch dem scheinbar banalsten Ding, das Einzug in eine Ausstellung oder ein Museum gefunden hat, Beachtung zu schenken. Diese Präsentation einer auf den ersten Blick wertvollen Goldtafel im merkantilen Umfeld aber provoziert Fragen nach Wert und Ertrag sowohl des Exponats als auch seiner Wahrnehmung. Sie müssen unbeantwortet bleiben, da schließlich nicht zu entscheiden ist, ob es sich um die museal anmutende Präsentation eines Kunstwerks an ungewöhnlichem Ort oder die Ausstellung von Gold auf dem entsprechenden Marktplatz handelt. Ihr Ertrag aber ist, dass wir uns bei der Betrachtung beobachten, uns bei der Wahr-Nehmung überwachen und sie damit schärfen.

Dr. Bernd Finkeldey . Düsseldorf, 3. Dezember 2002

 

Bildbewachung 06
Bildbewachung 07

Tatsächlich kam es an dem Tag zu tumultartigen Auswüchsen, einige Passanten wollten das Bild unbedingt berühren, was natürlich durch die Beharrlichkeit des Sicherheitspersonals verhindert wurde. Ob es an der Anwesenheit desselbigen lag, muss im Einzelnen hinterfragt werden. Das Sicherheitspersonal hatte nur friedfertige Absichten und Aufgaben.

Wir wollten “Bildbewachung,” mit größerem Aufwand betreiben, mit mehr Aufsichtspersonal, mehr Einsatzfahrzeugen etc., am linken Mainufer, gegenüber der Banken-Skyline von Frankfurt, in der “Wallstreet,” oder auch in einem Museum nochmals wiederholen, haben dies aber bis dato nie realisiert.

Bildbewachung 08

Wir bedanken uns bei der Firma WSD / Göppingen für ihre Unterstüzung.

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